„Konkurrenz gab's auch schon vor den Arcaden“: Siegfried Balleis im großen MarktSpiegel-Interview

Sieht den Handel im Wandel: Dr. Siegfried Balleis, Oberbürgermeister der Stadt Erlangen. Foto: Stadt Erlangen / gema

ERLANGEN (mue) - Die Markt- und Standort-Beratungsgesellschaft mit Sitz am Hugenottenplatz überreichte Oberbürgermeister Siegfried Balleis jüngst ein knapp 300 Seiten starkes Dossier über die (Aus-)Wirkung der Erlangen Arcaden auf den örtlichen Einzelhandel. Anlass genug, das Stadtoberhaupt auch direkt nach seiner Sicht der Dinge zu befragen.


MarktSpiegel: Herr Balleis, wie sehen Sie die bisherige Entwicklung des Erlanger Einzelhandels generell – welche Tendenzen sind Ihrer Meinung nach auszumachen?

S. Balleis:
Ebenso wie sich die Stadt Erlangen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten weiter entwickelt hat, unterliegt auch der Erlanger Einzelhandel einem steten Wandel. Sieht man sich den innerstädtischen Einzelhandel an, wie er vor rund 25 Jahren aussah (vier Warenhäuser) und vergleicht das mit der heutigen Situation, so sieht man, wie sich der Einzelhandel in Erlangen fortentwickelt hat.

Heute hat der hiesige Handel einen breiten und vielfältigen Branchenmix mit einer guten funktionalen Arbeitsteilung zwischen Innenstadt und Nahversorgung in den Stadtteilen. Ich glaube selbstbewusst sagen zu können, dass unser Handel Waren für nahezu alle Generationen und Geschmäcker präsentiert.

Zur Tendenz: Der Wandel im Handel wird fortschreiten. Wie er in 25 Jahren aussehen wird, kann natürlich niemand vorhersehen. Allerdings ist deutlich erkennbar, dass das Einkaufen über das Internet immer beliebter und weiter zunehmen wird. Auch der demographische Wandel wird seine Wirkungen auf den Handel haben. Dies wird sich ohne Frage auf die Erlanger Einzelhandelslandschaft auswirken.


MarktSpiegel: Kann man die Arcaden in der Tat – wie im Bericht dargestellt ­– pauschal als „Nachfolger der verlorenen Warenhäuser“ (Hertie, Horten usw.) bezeichnen?

S. Balleis:
Ein Stück weit ist dies sicherlich mit Ja zu beantworten. Bei der seinerzeitigen Auseinandersetzung „Arcaden ja oder nein“ wurde mit dem Verlust von drei der vier Warenhäuser für den Bau der Arcaden argumentiert. Allgemein haben in Deutschland Warenhäuser Marktanteile verloren und Einkaufszentren im Gegenzug diese gewonnen. Dieser Entwicklung hat sich auch Erlangen gestellt und stellen müssen.


MarktSpiegel: Wie groß ist aus Ihrer Sicht der direkte Einfluss, den die Arcaden insgesamt auf die Entwicklung der Innenstadt haben?

S. Balleis:
Dies lässt sich nur schwer in Zahlen ausdrücken. Die Ansiedlung der Arcaden fügte sich in das jahrzehntelange Bestreben der Stadt-(verwaltung), den Handel so gut es geht auf die Innenstadt zu konzentrieren und nur im Ausnahmefall im Außenbereich zuzulassen. Heute sind rund 60 Prozent der Handelsbetriebe bzw. rund 50 Prozent der Verkaufsflächen in der Innenstadt ansässig. Dies wurde und wird von Experten als bundesweit herausragender hoher Wert bestätigt. Bei der letzten Erhebung im Rahmen des Städtebaulichen Einzelhandels-konzeptes formulierte dazu die GMA aus München: „Hier wurde in den letzten Jahren sehr viel richtig gemacht!“ Ich sage Danke für dieses Kompliment und sage für die Zukunft, dass wir den Handel weiter primär in der Innenstadt haben möchten, denn es gilt die Leitformel: Der Handel braucht die Innenstadt nicht, aber umgekehrt die Innenstadt den Handel.


MarktSpiegel: Thema „Verschiebung von Passantenströmen“ – was sagen Sie Einzelhändlern, die sich diesbezüglich benachteiligt sehen bzw. ihr Geschäft aus diesem Grund vielleicht sogar schon aufgeben mussten? War bzw. ist hier der entstandene Konkurrenzdruck für manche nicht doch eine Nummer zu groß?

S. Balleis:
Die Verschiebung von Passantenströmen ist ein seit langem zu beobachtender Prozess und dies auch vor der Entstehung der Arcaden. Aus meiner Sicht haben die Arcaden sehr viel junges Publikum gerade aus dem Umland in die Stadt gebracht. Etwa drei von vier Kunden kommen von außerhalb. Für die Einkaufsstadt insgesamt bedeutet dies einen zusätzlichen Kaufkraftgewinn. Aber natürlich ist da auch Konkurrenz entstanden. Dies spüren leider inhabergeführte Fachgeschäfte und dies nicht nur in der Altstadt. Zudem verlieren wir potenziellen Einzelhandelsumsatz an das benachbarte Nürnberg und – dies gilt insbesondere für Geschäftsreisende – an Metropolen wie beispielsweise Hamburg, München oder Berlin. Erlangen ist und bleibt „Teil eines Oberzentrums“ und steht somit insbesondere mit Nürnberg und auch mit Fürth in Konkurrenz. Damit komme ich zum Kern der Frage: Konkurrenzdruck gibt es durch die Arcaden, aber es gab ihn auch schon ohne Arcaden.


MarktSpiegel: Beispiel Altstadtmarktpassage – wird sich künftig alles auf eine Art „exklusive Shopping-Meile“ konzentrieren, während es „drumherum“ gewerblich zwangsläufig ruhiger wird? Wie ist da Ihre Prognose?

S. Balleis:
Ich komme nochmal zurück auf die Auswirkungen des Online-Handels, der immer mehr zunimmt und dafür sorgt, dass der stationäre Handel weiter zurückgehen wird. Damit wird sich der Handel allgemein und auch der Erlanger Handel in den nächsten Jahren intensiv auseinandersetzen müssen. Dadurch wird der Druck auf die so genannten B- und C-Lagen weiter zunehmen, dies sagen nicht nur die Experten. Ich erwarte deshalb, dass sich Lagen wie die Altstadtmarktpassage – aber auch die Altstadt – gesamt künftig weniger mit Einzelhandel besetzen lassen. Die Entwicklung zu einer lebenswerten, kleinteiligen Innenstadt mit Gastronomie und Sortimenten ausgerichtet auf Zielkundschaft wird sich daher weiter fortsetzen.

Interview: Uwe Müller
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