Ein Comic macht Geschichte

Der stellvertretende Landrat Norbert Reh, Martin Kastler von der Hanns-Seidel-Stiftung, Bürgermeister Benedikt Bisping, Autor Jaroslav Rudiš, die Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Ina Schönwald und Dr. Jonathan Daniel, Privatkundenvorstand der Sparkasse Nürnberg (v.l.) freuten sich über das große Interesse an der Ausstellung. (Foto: Müller, Stadt Lauf)
 
Die vom Literaturhaus Stuttgart gemeinsam mit den Künstlern entwickelte Präsentation der Comic-Erzählung zeigt neben eindrucksvollen Schwarzweiß-Illustrationen auch Originalskizzen und Exponate aus der Welt des Alois Nebel. (Foto: Müller, Stadt Lauf)
Laufer Stadtarchiv zeigt die Ausstellung „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan“. Geschichtsunterricht einmal anders: Mit einer unkonventionellen, international renommierten Comic-Ausstellung geht man in Lauf neue Wege.

LAUF/NÜRNBERG (nf/pm) - Sie war unter anderem schon in München, Salzburg, Stuttgart und Leipzig zu sehen, doch das Pfründnerhaus des Laufer Glockengießerspitals ist wohl der ungewöhnlichste Ort, an dem die Ausstellung „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan“ bisher gezeigt wurde. Der Meinung waren die Gäste der Vernissage, zu der das Stadtarchiv Ende Mai in die Räumlichkeiten des ehemaligen Altenheims eingeladen hatte, ebenso wie die Ausstellungsmacher, die zu diesem Anlass in die Pegnitzstadt gekommen waren.


Graphic Novel mit Kultstatus

Ende der achtziger Jahre an einem kleinen Bahnhof in Bílý Potok, einem abgelegenen Ort an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, dem früheren Sudetenland: Hier lebt und arbeitet Alois Nebel, Hauptfigur des dreiteiligen Comicromans des tschechischen Autors, Regisseurs und Journalisten Jaroslav Rudiš und des tschechischen Zeichners und Musikers Jaromir 99, der in vielen Ländern bereits Kultstatus hat. Die Eisenbahn bestimmt das Leben des einsamen Fahrdienstleiters, den immer wieder die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die Vertreibung der Deutschen und die sowjetische Besatzung einholen…

So lautet die Kurzbeschreibung einer komplexen Erzählung, die dem Leser einige Episoden mitteleuropäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts am Beispiel eines Landstrichs näherbringt und dabei den Bogen von der nationalsozialistischen Okkupation bis zur „Samtenen Revolution“ im Jahr 1989 spannt. Kein einfacher Stoff, dem sich Jaroslav Rudiš und Jaromir 99 aber souverän genähert haben.

Gemeinsame Geschichte der Nachbarländer

Die Zeit Karls IV. sei nicht die einzige Schnittmenge, die uns mit dem Nachbarland Böhmen beziehungsweise der heutigen Tschechischen Republik verbinde, betonte die Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Ina Schönwald, die neben dem Autor des Comicromans, Jaroslav Rudiš, auch den Repräsentanten und Regionalleiter der Hanns-Seidel-Stiftung für die Tschechische Republik, Martin Kastler, zur Ausstellungseröffnung begrüßen konnte. Und auch der Leiter des Stadtarchivs Nürnberg, Dr. Michael Diefenbacher, der stellvertretende Landrat Norbert Reh sowie der Altlandrat und Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Helmut Reich, und der Altbürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Lauf, Rüdiger Pompl interessierten sich für die künstlerische Umsetzung eines wichtigen Kapitels der deutsch-tschechischen Geschichte.

Tatsächlich lasse sich an Vita des Alois Nebel, in der Flucht und Vertreibung zentrale Themen seien, einiges über die gemeinsame Vergangenheit aufzeigen; schließlich hätten nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 10 000 Vertriebene im Altlandkreis eine neue Heimat gefunden, wie Schönwald ausführte.

Ganzjähriges Programm in den Laufer Schulen

Einige von ihnen haben sich dazu bereiterklärt, ihre Erfahrungen im Rahmen eines Zeitzeugenprojekts an die jüngere Generation weiterzugeben. Und dank der Sparkasse Nürnberg und der Bayerischen Sparkassenstiftung, die das Stadtarchiv als Förderpartner gewinnen konnte, wird die Ausstellung von einem ganzjährigen Programm in den Laufer Schulen begleitet. Beispielsweise verfassen Schülerinnen und Schüler der Montessori Fachoberschule auf Grundlage von Gesprächen mit Menschen, die selbst oder deren Familien aus den sudentendeutschen Gebieten vertrieben wurden, eigene Graphic Novels, die auch auf einem Storytellingportal in Szene gesetzt werden. Zudem gibt es eine Filmvorführung des Kunst- und Kulturvereins arteschock und Dialogrunden im Archiv, was ganz im Sinne von Dr. Ina Schönwald ist, die die Einrichtung zu einem „lebendigen Haus der Begegnung und der Stadtkultur“ machen will.

Zeugnisse der Vergangenheit

„Die Beschäftigung mit Alois Nebel zeigt uns deutlich, dass uns die Zeugnisse der Vergangenheit viel zu sagen haben – umso mehr, wenn sie, wie hier, auf eine mutige und innovative Art und Weise präsentiert werden“, fasste Bürgermeister Benedikt Bisping zusammen. Ein herzliches Dankeschön richtete er in diesem Zusammenhang an das Nürnberger DB-Museum, das eigentlich Schauplatz der Ausstellung sein sollte, zugunsten Laufs aber verzichtet hatte.

„Wir wollen in Lauf Geschichte erlebbar machen und uns darüber hinaus als Stadt, in der Willkommenskultur gelebt wird, empfehlen“, so das Stadtoberhaupt weiter. Unterstützung hierfür fand er nicht nur bei Martin Kastler von der Hanns-Seidel-Stiftung, der sich als „Europäer aus Überzeugung“ bezeichnete und den deutsch-tschechischen Austausch intensivieren will, sondern auch beim stellvertretenden Landrat Norbert Reh, der das Engagement der Ausstellungsmacher und der Stadt Lauf als „beispielhaft“ bezeichnete.

Die Ausstellung ist bis zum 5. März 2017 im Pfründnerhaus des Laufer Glockengießerspitals, Spitalstr. 5, zu sehen (Öffnungszeiten: Mai 2016 bis Juli 2016: Mittwoch bis Sonntag 10.00 – 20.00 Uhr. August 2016 bis März 2017: Mittwoch bis Sonntag 10.00 – 19.00 Uhr).
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