Nürnberg setzt Kaiser Karl IV. in Szene

Das iMännleinlaufen von Georg Dinkel aus FIMO. (Foto: Georg Dinkel)
 
Karls Leben als mechanisches Comic-Theater. Präsentation der Schaubühne mit wichtigen Stationen im Leben des spätmittelalterlichen Kaiser Karl IV. (Foto: Berny Meyer/Stadt Nürnberg)
NÜRNBERG (pm/nf) - In diesem Jahr jährte sich zum 700. Mal der Geburtstag Kaiser Karls IV. (1316 bis 1378). Nürnberg war für Karl IV. „die fürnemste stadt des reiches“ und verdankte ihm einen immensen Bedeutungszuwachs. In der Goldenen Bulle von 1356 legte er fest, dass jeder neugewählte König seinen ersten Reichstag in Nürnberg abhalten sollte.

Bereits im Vorfeld der Bayerisch-Tschechischen Landesausstellung „Karl IV.“, die vom 20. Oktober 2016 bis zum 5. März 2017 im Germanischen Nationalmuseum zu sehen ist, nähert sich das Kulturreferat der Stadt Nürnberg dem Jubiläum mit neuen Spielformen im öffentlichen Raum.

Vorhang auf: Das Leben von Karl IV. als Theater-Comic

Ein mechanisches Theater vor dem Rathaus auf dem Rathausplatz zeigt Karls Leben als Comic. Puppen, durch eine automatische Mechanik angetrieben, zeigen in kurzen Sequenzen wichtige Stationen im Leben des spätmittelalterlichen Kaisers. Wahlweise auf Deutsch oder Englisch gibt der Theater-Comic frech und unkonventionell einen Einblick in die wichtigen Fragen des Spätmittelalters, die so oder so ähnlich bis heute wirken: Was mache ich für Geld? Wie kann ich ethisch verantwortlich handeln und doch meine Macht erhalten? Die filigranen Figuren und Szenenbilder von Susanne Jacob erinnern an den „weichen Stil“ der Spätgotik und ähneln gleichzeitig modernen, französischen Comics. Das Team um Regisseur Frieder Zimmermann inszenierte das neunminütige Minidrama mit Lust auf Zuspitzung, die Produktion der Schaubude stammt von der Schwaiger Firma Hüttinger.

Smartphones an die Macht?

Georg Dinkels ironische iPhone-Installation „iMännleinlaufen“ in der Ehrenhalle des Rathauses zeigt: Krone, Zepter und Reichsapfel waren gestern – hier regiert das Smartphone! Ein hintersinniges Spiel mit den gegenwärtigen Insignien der Macht treibt der mehrfach ausgezeichnete Künstler Georg Dinkel aus Zirndorf. In seiner Installation „iMännleinlaufen“ umkreisen huldigend Kurfürsten (und eine historisch kaum zu belegende Kurfürstin) – allesamt ausgestattet mit Smartphones als standesgemäßen Symbolen – eine herrschaftliche Instanz von heute: Kaiser Karl IV. wurde ersetzt durch ein kolossales iPhone. Inspiriert durch Dekor und Architektur früherer Epochen fertigt Georg Dinkel seit 1992 sakrale Hüllen für iPhones und iPads aus extrem formbarer und stabiler Knetmasse (FIMO, hergestellt von der Nürnberger Firma Staedtler). Daraus gestaltet er Objekte, die Handwerkskunst vergangener Epochen verblüffend nachformen und auch in den Dimensionen imposant sind: Das „iMännleinlaufen“ ist 2,30 Meter hoch.

Ein Spiel mit Krone und Macht auf dem Hauptmark

Die interaktive Installation „BE KARL – Das MännleinLaufen heute“ ist auf dem Hauptmarkt vor der Frauenkirche zu sehen. Als Ikone der Nürnberger Stadtgeschichte zählt die Frauenkirche mit dem „Männleinlaufen“ zu den prominentesten Hinterlassenschaften Karls IV. und funktioniert als zeitlose Attraktion für Bürger und Touristen. In Erinnerung an den Erlass der Goldenen Bulle Anfang des 16. Jahrhunderts gefertigt, stellt es die Huldigung Kaiser Karls IV. durch die Kurfürsten nach. Eine interaktive Installation holt das „Männleinlaufen“ von der Frauenkirche auf den Hauptmarkt und damit im übergeordneten Sinne auf Augenhöhe. Gäste können in der halbkreisförmigen Installation auf einem angedeuteten Thron Platz nehmen oder in die huldigende Haltung der Kurfürsten schlüpfen, um so dem Spiel mit der Macht nachzuspüren.

Ein begleitender Foto- und Video-Wettbewerb erweitert die Idee ins Netz. Neben Informationen über Kaiser Karl IV. und seine Beziehung zu Nürnberg spannt „BE KARL“ einen Bogen ins Jetzt und spiegelt – als Gegensatz zur monarchischen Staatsform – die globale Verbreitung von Demokratie wider. Wo spielt heute Mitbestimmung und politische Teilhabe eine zentrale Rolle im Machtgefüge? Täuscht es, oder steigt gerade auf der Welt die Sehnsucht nach „starken Männern“ und Symbolen monarchischer oder autokratischer Macht?

Alle drei Karl-Formate sind bis 3. November 2016 für die Besucherinnen und Besucher kostenlos zu erleben.

Karl IV. prägt Stadtbild bis heute

Als einer der herausragenden Herrscher der böhmischen und deutschen Geschichte machte Karl IV. nicht nur Prag zu einer der bemerkenswertesten europäischen Städte. Leuchtende Metropole an der Goldenden Straße war ihm die Reichsstadt Nürnberg, der er an die 50 Besuche abstattete.

Bis heute entfaltet die Huldigung Kaiser Karls IV. durch die Kurfürsten ihre vielbeachtete Präsenz im „Männleinlaufen“, wenn sich jeden Tag um Punkt 12 Uhr die 1509 geschaffene Kunstuhr an der Frauenkirche in Bewegung setzt. Im Herzen der Stadt wird seine kulturhistorische Bedeutung besonders greifbar: Der Hauptmarkt wurde neu angelegt, 1355 stiftete Karl IV. die vom Prager Hofarchitekten Peter Parler konzipierte Frauenkirche und auch die Anlage des Schönen Brunnens ging auf seine Initiative zurück. Möglich wurden die städtebaulichen Projekte durch das Judenpogrom von 1349 und den Abbruch des Judenviertels, den die jüdische Gemeinde Nürnbergs mit Vertreibung, Elend und Tod bezahlen musste. Auch dies dunkle Kapitel der Stadtgeschichte wird in den Installationen zum Karl IV.-Jubiläum thematisiert.
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