Große Trauer um weltberühmten Star-Clown Oleg Popov

Ein Bild aus guten Tagen: Oleg Popow eröffnete mit einer Krenwurzel zusammen mit der Bayerischen Meerrettichkönigin Isabell I aus Baiersdorf die ,,Scharfen Wochen" in Kirchehrenbach im Gasthaus Sponsel. (Foto: Udo Dreier)
 
Der berühmteste Clown der Welt ist tot. Oleg Popov ist am vergangenen Mittwoch gestorben. (Foto: Udo Dreier)
 
Gastwirt Friedrich Sponsel servierte Oleg Popov ein fränkische Spezialität. (Foto: Udo Dreier)
 
Oleg Popov mit einer Krenwurzel eröffnete die ,,Scharfen Wochen" in der Fränkischen Schweiz. (Foto: Udo Dreier)
 
Oleg Popov eröffnete zusammen mit der Bayerischen Meerrettichkönigin Isabell I aus Baiersdorf die ,,Scharfen Wochen" in der Fränkischen Schweiz. (Foto: Udo Dreier)
REGION/EGLOFFSTEIN (nf) - Der berühmteste Clown der Welt ist tot. Am Abend des vergangenen Mittwochs ist Oleg Popov im Alter von 86 Jahren abends für immer eingeschlafen. Wie russische Agenturen und der Russische Staatscircus melden, starb der Star während einer Tournee im südrussischen Rostow am Don. Bis zuletzt hat er für seinen Zirkus gearbeitet und mit seiner Frau Gabriele in Egloffstein gelebt.

In Egloffstein hat unterdessen ein wahrer Boulevard-Medienrummel eingesetzt. Wie aus Egloffstein berichtet wurde, musste Bürgermeister Stefan Förtsch sogar die Auffahrt zu Popovs Haus sperren lassen, weil Fotografen ohne Rücksicht versucht haben, vom Inneren des Hauses Bilder zu schießen.

Eine Trauerfeier wird es in Russland geben, entschieden ist nach Gerüchten noch nicht, wo der berühmte Künstler bestattet werden soll. Geht es nach dem Wunsch Popovs, ist seine letzte Ruhestätte Egloffstein.

Update: Der Künstler wurde wunschgemäß in Egloffstein bestattet.

Der Große Russische Staatscircus hat eine Biografie des Ausnahmeartisten zusammengestellt, die auch ein Stück Zeitgeschichte dokumentiert.


Oleg Konstantinowitsch Popov wird als einziges Kind von Konstantin Popov und seiner Frau Maria Michailowna unweit von Moskau in der Stadt Viroebovo geboren. Zuhause herrscht Armut. Der Vater verdient einen kargen Lohn in einer Uhrenfabrik und die Mutter erhält einige Rubel für das Retuschieren von Bildern. Einen Monat nach Olegs Geburt zieht die Familie in eine Wohnung nach Moskau, die sie sich mit zwei anderen Familien teilen muss. Das Essen ist rationiert. Olegs frühe Kindheit ist geprägt von Hunger.

1937
Ein tiefer Einschnitt in Oleg Popovs Leben. Sein Vater verschwindet plötzlich spurlos. Hintergrund: Eine speziell für den Diktator Stalin angefertigte Uhr zerbricht unbeabsichtigt. Deswegen wird Olegs Vater Konstantin, verhaftet und abgeführt. Oleg: „Wir haben ihn nie wieder gesehen oder von ihm gehört. Dies ist und bleibt der größte Schmerz meines Lebens. Auch deshalb wurde ich nie Mitglied der Partei. Ich liebte meinen Vater zu sehr.“

1942
Der zwölfjährige Oleg bekommt eine Anstellung als Schlosserlehrling bei der Zeitung „Prawda“. Gehalt: Essensgutscheine für 500 Gramm Brot pro Tag.

1944
Oleg ist Mitglied im „Prawda-Sportclub“. Während einer Sportveranstaltung fällt er dem Leiter der nahe gelegenen Schule des Staatscircus auf. Der junge Oleg besteht die Aufnahmeprüfung, verheimlicht aber zunächst seiner Mutter den Eintritt in die Zirkusschule. Er weiß wie entsetzt sie wäre, wenn sie erfahren würde, dass er seinen sicheren Job bei der „Prawda“ aufgegeben hat.

1945
Auch wenn es hart ist, manchmal zehn Stunden am Tag zu trainieren, genießt Oleg die Zirkusschule und alles, was er dort lernt: jonglieren, tanzen, singen, musizieren, Trapez, Seiltanz, Ballett und Mimik. Sie reagiert entsetzt und will ihren Sohn sofort von der Schule nehmen. In einem Gespräch mit dem Schuldirektor kann dieser sie aber vom Talent des jungen Oleg überzeugen und er darf bleiben. Nun steht nichts mehr zwischen Oleg und seinem Traumberuf.

1946
Mit anderen talentierten Schülern gestaltet Oleg bunte Abende in Kolchosen und Sportvereinen. Ihr Lohn dafür: Essensmarken. Oleg schenkt diese wertvollen Gutscheine für Brot und sogar für Fleisch, Obst und Gemüse seiner Mutter. Die Beschaffung von Nahrungsmittel ist in dieser Zeit von zentraler Bedeutung für die meisten Sowjetbürger.

1949
Während eines Jugendfestivals unterhält Oleg das Stadionpublikum so gut, dass ihm der Staatscircus einen unbefristeten Vertrag anbietet. Besonders die Einwohner der georgischen Hauptstadt Tiflis sind ganz versessen darauf, sein Programm zu sehen. Das Publikum erfreut sich am jungen Popov, dessen langes, blondes Haar mit der karierten Mütze schnell zu seinem Markenzeichen wird.

1950
Der zu dieser Zeit berühmte Clown Karandasch wird auf Oleg aufmerksam. Er lässt sich von ihm bei seinen Nummern assistieren und nimmt ihn mit auf eine gemeinsame Tournee. Popov sagt über diese Zeit: „Ich bin ihm dafür sehr dankbar, denn ich habe viel von ihm gelernt. Ich kann zum Beispiel seither meine eigenen Requisiten herstellen.“

1952
Oleg heiratet Alexandra, eine hübsche, dunkelhaarige Geigerin des Zirkusorchesters. Sie schenkt ihm Olga, sein einziges Kind.

1954
Im klassischen Zirkus-Gebäude in Saratov feiert Oleg seinen endgültigen Durchbruch. Der eigentliche Star des Zirkus, Clown Pavel Borovikov, bricht sich während der Show eine Rippe. Oleg ersetzt den kranken Clown, holt sich aus der Küche Kartoffeln, Gabeln, Töpfe und Teller, improvisiert damit und gewinnt mit seinem witzigen Auftritt im Handumdrehen die Gunst des Publikums.

1955
Oleg steigt zum zentralen Artisten des russischen Zirkusensembles auf. In der lettischen Hauptstadt Riga wird er zum Publikumsliebling. Hoch motiviert entwickelt er in zweieinhalb Jahren zahlreiche neue Nummern. Riga betrachtet er noch heute als die Wiege seiner Karriere.

1956
Auf nach Westeuropa! Parteichef Chruschtschow sendet den russischen Staatscircus als kommunistisches Propaganda-Instrument nach Brüssel, Monte Carlo, München, Frankfurt und Berlin. Das Ensemble wird von KGB-Agenten begleitet, die verhindern sollen, dass die Artisten flüchten. Da der berühmte Clown Karandasch mit Alkoholproblemen kämpft, wird der junge Oleg Popov als Hauptclown für die Tournee ausgewählt. Die europäische Presse bejubelt sein Charisma und alle Vorstellungen sind ausverkauft. Popov und seine Kollegen staunen über den Luxus im Westen. Als er nach Moskau zurückkehrt, erhält Popov höchste sowjetische Auszeichnungen.

1958
Oleg Popov tourt erfolgreich durch Deutschland und Frankreich. Während der Eiserne Vorhang Europa immer weiter einschließt, ist er in der glücklichen Lage, die Sowjetunion ab und zu verlassen zu können. Mittlerweile bemühen sich verschiedene Impresarios um Popov und bieten dem Moskauer Circus hohe Summen dafür, ihn engagieren zu dürfen.

1959
Oleg Popovs Ruhm bleibt nicht länger auf Europa begrenzt: In Japan und Australien feiert er überwältigende Erfolge. Die Agenturen verdienen mit ihm sehr viel Geld, Popov und seine Artistenkollegen erhalten im Vergleich jedoch immer noch nicht mehr als ein Taschengeld.
1960
Treffen mit seinem Idol Charlie Chaplin. Auf einer Tournee durch Italien erfährt Oleg, dass Chaplin in der Nähe ist und schickt ihm sofort ein Telegramm. Chaplin reagiert sofort mit einer Einladung zu einem Treffen in Venedig. Obwohl Oleg nur Russisch spricht, verstehen sich die beiden auf Anhieb, ihre gemeinsame Sprache ist der Humor.

1961
Der Sprung in die Vereinigten Staaten folgt. Der New Yorker Madison Square Garden ist Abend für Abend ausverkauft. Popovs Gage in jenen Tagen: 25 $ pro Tag.

1962
Während der Kuba-Krise sendet der Kreml den Staatszirkus mit Oleg Popov auf eine Propaganda-Tour per Schiff nach Kuba. Während das Zirkuspublikum in Havanna begeistert reagiert, sind die Artisten weniger zufrieden: Statt Gehalt bietet ihnen Fidel Castro lediglich Speisen, Getränke und Hotelzimmer. Sie geben Vorstellungen für die Soldaten und müssen selbst tagsüber Uniformen tragen. Popov: „Es waren absurde Zeiten!“

1965
Wie Oleg einst seiner Mutter, erklärte ihm seine 13-jährige Tochter Olga, dass auch sie beim Zirkus arbeiten möchte. Oleg unterstützt ihren Wunsch und fünf Jahre später wird sie, mit einer eigenen Nummer als Seiltänzerin, Mitglied im Ensemble ihres Vaters.

1972
Oleg Popov arbeitet mittlerweile auch für das Fernsehen. Seine Sendung „Budilnik“ fesselt jeden Sonntagmorgen große und kleine Zuschauer in der gesamten Sowjetunion an die Bildschirme. Seine Popularität nimmt so große Ausmaße an, dass es sogar eine Schokoladensorte mit seinem Konterfei auf der Verpackung gibt. Auch auf diese Weise verdient der sowjetische Staat an ihm.

1980
Eine weitere erfolgreiche Tournee führt durch die Niederlande, bei der Olegs Frau Alexandra mit einer exzentrischen Musiknummer im Programm zu bewundern ist.

1982
Oleg Popov gewinnt beim Zirkusfestival von Monte Carlo den „Goldenen Clown“. Fürstin Gracia Patrizia überreicht ihm den „Oscar der Zirkuswelt“.

1989
Olegs Frau Alexandra erkrankt unheilbar an Krebs. Sie muss in Moskau bleiben und wünscht sich, dass Oleg weiter seinen geliebten Beruf ausübt. Oleg schickt jede Woche Geld und Lebensmittel in die Heimat.

1990
Tragödie für Oleg: Während er in Hamburg auftritt, erliegt seine Frau Alexandra in Moskau ihrer schweren Krankheit. Er kämpft mit einem schrecklichen Dilemma: Wenn er zu ihrer Beerdigung reist, muss die Tournee gestoppt werden. Damit würde er jedoch den Lebensunterhalt der restlichen Zirkusmannschaft gefährden. Der Impresario Kaniuki überredet ihn zu bleiben. Tagelang weint Popov hinter der Bühne um seine Sanja, entscheidet sich schweren Herzens für den Zirkus und schickt Geld an seine Tochter Olga in Moskau, damit sie die Beerdigung ausrichten kann.

1991
26. Juni: Prinzessin Juliana der Niederlande besucht die Gala-Premiere des Grossen Russischen Staatscircus in Amsterdam und ist begeistert. Das Foto der beiden schmückt in den folgenden Tagen die Titelseiten der Zeitungen und leitet den Beginn einer erfolgreichen Tournee durch die Niederlande ein.

1991
Neues privates Glück für Oleg Popov: Er lernt die 32 Jahre jüngere, deutsche Gabriela Lehmann (aus Egloffstein) kennen und heiratet sie am 1. September in Breda / Niederlande. Die Weltpresse ist fasziniert von dieser romantischen Liebesgeschichte aus der Zirkuswelt: Die pferdebegeisterte Gabriela wollte im Zirkus eigentlich nur die Kosakenreiter sehen. Da die Show bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, bekommt sie nach langem Bitten nur einen Stehplatz. Oleg bemerkt sie aus der Manege und lässt ihr seinen Stuhl aus der Garderobe bringen. In der Pause bedankte sie sich dafür. Beeindruckt von seinem Charisma, fragt sie ihn nach einem Autogramm. Oleg verliebte sich sofort, nimmt allen Mut zusammen und bittet sie beim Überreichen des Autogramms um ihre Telefonnummer. Da zunächst keiner die Sprache des anderen versteht, muss Oleg für das erste Telefonat den Zirkusdolmetscher bemühen. Doch wenn Herzen miteinander sprechen, braucht es zum gegenseitigen Verständnis keine Worte mehr ...

1992
Das Ensemble des Grossen Russischen Staatscircus mit Oleg Popov ist jetzt unter niederländischer Leitung. Popov fühlt sich in diesem qualitativ hochwertigen Zirkus mit überwiegend russischen Artisten wohl. Begleitet von seiner neuen Frau, führt ihn die Tournee durch Frankreich, die Niederlande und Deutschland. Gabriela lernt Russisch, Jonglieren und Tanzen und bringt neue Ideen ein. Beim ersten gemeinsamen Auftritt mimt sie eine jonglierende Puppe. Es folgen weitere Acts mit einem Minipony, Steptanz auf einer großen Trommel und mit einer zahmen Ratte am Fallschirm. Während der Sommerpause entspannt sich das Paar auf ihrem Bauernhof in Bayern, umgeben von Tieren, Wiesen und Wäldern.

1993
Weitere, erfolgreiche Gastspiele des Grossen Russischen Staatscircus in Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg.

1997
Russland möchte den berühmten Clown zurückgewinnen. Doch der 67-jährige Popov reagiert beleidigt, als der russische Staat ihm für sein Lebenswerk umgerechnet 80 Euro Rente in Aussicht stellt. Auch amerikanische und australische Agenturen bemühen sich um ihn, doch seine Antwort lautet: „Ich habe ein neues Zuhause gefunden. Warum sollte ich auf Reisen gehen, wenn ich hier so glücklich bin?“

2002
Der Grosse Russische Staatscircus gastiert zehn Wochen in Berlin. Bei einem Empfang hat Oleg Popov eine herzliche Begegnung mit Ljudmila Putina, der Gattin des russischen Präsidenten und Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der russische Kulturminister Michail Shvidkoi freut sich über die erfolgreiche Zirkus-Show und bezeichnet ihn als „das Gesicht der russischen Kultur in West-Europa!“

2005
31. Juli: Bei guter Gesundheit feiert Oleg Popov mit seiner Familie und vielen Freunden aus Russland, den Niederlanden und Deutschland seinen 75. Geburtstag. Nicht nur die Zirkuswelt gratuliert ihm, auch Präsident Wladimir Putin und die russische Regierung senden Glückwunsch-Telegramme zu seinem Jubiläum.

2006
Der Grosse Russische Staatscircus gastiert vorwiegend in Deutschland, zur Jahreswende reist das Programm zum Weihnachtscircus nach Den Haag / Niederlande.

2008
Königlicher Besuch im Russischen Staatscircus. Ihre Majestät, die niederländische Königin Beatrix kommt mit sechs Enkelkindern zu einer Show in den Großen Weihnachtscircus in Den Haag. Während der Pause trifft sie sich spontan mit Oleg Popov hinter der Bühne. Auch Kronprinz Willem-Alexander, seine Frau Prinzessin Maxima und der aus England eingeflogene Prinz Johan Friso und Prinzessin Mabel Wisse genießen die Show.

2010
Am 31. Juli feiert Oleg Popov seinen 80. Geburtstag. Seit über sechzig Jahren erfreut dieser Ausnahmeartist die Menschen aus aller Welt mit seiner Kunst. Sein kultureller Beitrag hat bewirkt, dass Ost und West sich durch die Sprache der Herzen näher kamen.
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