Verändern Smartphones das Sozialverhalten?

Soziale Netzwerke bzw. Messenger lassen sich via Smartphone auch mobil nutzen – somit sind auch Kinder und Jugendliche bereits immer und überall erreichbar. Nach aktuellen Studien kann dies die eigene, soziale Integration nachhaltig festigen und somit stärken. Foto: © goodluz - Fotolia
 
OStD Heinz Beiersdorfer. Foto: oh

REGION (izmf/mue) - Handys und Smartphones gehören heute für die meisten Kinder und Jugendlichen zur Grundausstattung – laut einer Studie des Branchenverbandes BITKOM nutzt bereits ein Fünftel der 6- bis 7-Jährigen ein solches Gerät. Mit steigendem Alter gehört es dann schon zum Alltag: 88 Prozent der 16- bis 18-Jährigen haben eins.


Kurznachrichtendienste wie SMS oder WhatsApp sind bei den 10- bis 18-Jährigen die am meisten genutzten Funktionen (94 Prozent) – noch vor dem Telefonieren (90 Prozent). Über die Hälfte (55 Prozent) der jungen Leute ist zudem per Smartphone in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter unterwegs.

Aktivitäten werden anders koordiniert

Beruflich und privat machen mobile Technologien die Kommunikation direkter und unmittelbarer und erleichtern es, mit Menschen in Verbindung zu bleiben. Welchen Einfluss diese Tatsache auf das Kommunikationsverhalten hat, hat unter anderen die Mannheimer Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Angela Keppler untersucht. Ihre Forschungsergebnisse machen deutlich, dass Kommunikation heute oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig stattfindet. „Die Leute reden immer noch miteinander, aber völlig selbstverständlich schauen sie zwischendurch auch auf ihre Smartphones“, so die Wissenschaftlerin. „Der Einfluss digitaler Kommunikationsmedien auf das Alltagsverhalten zeigt sich besonders deutlich bei Kindern und Jugendlichen, die heute mit Smartphone & Co. aufwachsen. Mobilgeräte haben die Art verändert, wie Aktivitäten koordiniert werden“, unterstreicht Prof. Dr. Johannes Fromme, Experte für Erziehungswissenschaftliche Medienforschung und Medienbildung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Statt längerfristige Absprachen zu treffen, würden sich Jugendliche heute eher spontan verabreden – dafür aber auch unverbindlicher: Treffpunkte werden kurzfristig geändert oder Verabredungen in letzter Minute zu- oder abgesagt. Im Hinblick auf soziale Beziehungen sieht Fromme das Handy bei Jugendlichen als „Schaltzentrale des sozialen Netzwerks“. Dabei diene das Mobiltelefon in erster Linie der Aufrechterhaltung und Festigung bestehender Kontakte.

Förderung der sozialen Integration

Das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) hat in seiner U25-Studie „Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt“ deren Verhalten im Hinblick auf digitale Kommunikationsmedien untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass junge Menschen Mobiltechnologien intensiv nutzen, um soziale Kontakte zu pflegen und auszubauen. Vor allem Facebook und der Messenger-Dienst WhatsApp sind wichtige Kanäle für die Kommunikation mit Freunden, wobei die Bezeichnung „Freund“ heute differenzierter betrachtet wird. Die jungen Nutzer unterscheiden bewusst zwischen Facebook-Freunden, persönlichen Bekannten und engen Freunden. Die oftmals geäußerte Befürchtung, digitale Medien hätten negative Auswirkungen auf das Sozialverhalten, sieht die DIVSI-Untersuchung nicht bestätigt – im Gegenteil: Die Forscher kommen in ihrer Auswertung zu dem Ergebnis, dass durch die Kombination verschiedener Kommunikationsmittel die soziale Integration in der Familie und im Freundeskreis gefördert werden kann. Auch Fromme kommt zu dem Schluss, dass die „Face-to-Face-Kommunikation“ mit dem Freundes- und Bekanntenkreis durch digitale Kommunikationsformen nicht ersetzt, sondern fortgeführt, ergänzt und zum Teil sogar vertieft wird.

Sprachvermögen leidet eher nicht

Als „relativ“ wird dagegen nach einer telefonisch geführten MarktSpiegel-Umfrage unter Pädagogen der Einfluss von Facebook & Co. speziell auf die deutsche Sprache bei Kindern und Jugendlichen eingeschätzt. Alle Befragten gaben an, dass bezüglich des Sprachvermögens zwar „immer wieder mal“ auch gewisse Defizite zu verzeichnen seien, jedoch könne dies vielfältige Ursachen haben – etwa den persönlichen Umgang oder auch das familiäre Umfeld betreffend. Allgemein betrachtet hätten soziale Netzwerke jedoch erheblichen Einfluss auf junge Menschen.


Besteht Gefahr für unsere Muttersprache?

Über den Einfluss mobiler Nutzung von Messengern und sozialen Netzwerken auf die junge Generation sprach der MarktSpiegel mit Oberstudiendirektor (OStD) Heinz Beiersdorfer, Schulleiter am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Oberasbach:

Welchen Einfluss haben Internet bzw. soziale Netzwerke aus Ihrer Sicht auf das Sprachvermögen von Kindern bzw. Jugendlichen?

Die Frage, ob das Internet und die digitalen sozialen Netzwerke einen positiven oder negativen Einfluss auf das Sprachverhalten der Jugendlichen haben, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt von der gymnasialen Perspektive her eigentlich nicht beantworten, denn statistische Analysen hierfür gibt es nicht und schon gar nicht im Vergleich zur Zeit vor dem Internet und dem Smartphone.

Lässt sich – ganz allgemein – ein Trend bei der Leistungsentwicklung im Deutschunterricht ausmachen?
Die durchschnittlichen Ergebnisse in den Leistungserhebungen im Fach sind subjektiv betrachtet auch nicht besser oder schlechter als in anderen Fächern, wenngleich auch generalisierend immer wieder behauptet wird, dass das Deutsch unserer Kinder immer schlechter wird. Eine Aussage hierüber seitens des Gymnasiums ist insofern besonders schwierig, da die Übertrittsquoten von der Grundschule zum Gymnasium in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen haben und durchaus der Verdacht besteht, dass etliche Schülerinnen und Schüler, die gerade mal so den Übertritt an das Gymnasium schaffen, eigentlich in der falschen Schulart und damit vor allem in Kernfächern wie Deutsch überfordert sind.

Internet & Co. stellen Ihrer Meinung nach also keine „Gefahr“ für unsere Muttersprache dar?
Nachdem im achtjährigen Gymnasium alle Schüler im Fach Deutsch am bayerischen Zentralabitur teilnehmen müssen und die Erfolgsquoten nicht schlechter sind als vor 40 Jahren im Kollegstufenabitur nach neun Schuljahren, kann die Deutschkompetenz unserer Abiturienten nach acht Jahren am Gymnasium ja nicht so schlecht sein. Die Frage des Einflusses von Internet und digitalen Netzwerken auf das Sprachverhalten von Jugendlichen stellt sich daher wohl eher für andere Schularten, wie Grundschule, Mittelschule und Realschule. Die Standards des bayerischen Gymnasiums bezüglich des Faches Deutsch sind nach wie vor hoch.

Interview: Uwe Müller
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