Gibt es bald keine Hebammen mehr?

Solche Bilder werden vielleicht bald Seltenheitswert haben: Hebamme Caroline André mit einem Neugeborenen. (Foto: Manuel Mauer)

REGION (pm/vs) – Am Weltfrauentag Anfang März ist sie auf die Straße gegangen: Gemeinsam mit hunderten Hebammen aus der gesamten Metropolregion ließ Caroline André, freie Hebamme aus Schwabach, vor der Nürnberger Lorenzkirche ihrem Unmut freien Lauf. Hintergrund: Ab dem nächsten Jahr wird es keine Versicherung mehr geben, welche die verpflichtende Berufshaftpflicht anbietet.



„Zwar haben sich auf Druck der Regierung offenbar verschiedene Versicherer zusammengetan. Sie wollen die Hebammen bis 2016 versichern allerdings für einem rund 20 Prozent höheren Preis als bisher“, ergänzt Caroline André. Für die Hebammen in Schwabach sei das langfristig jedoch keine Lösung.
„Das offizielle Aus für den Beruf der freien Hebamme wird dadurch nur um ein Jahr verschoben“, urteilt Caroline Andre. „Zudem ist es unklar, wie wir mit einem Durchschnitts- stundenlohn von rund 8,50 Euro die Versicherungsprämie von dann über 6.000 Euro im Jahr aufbringen sollen. Ich gehe davon aus, dass viele Kolleginnen sich schon bald aus der Geburtshilfe zurückziehen werden.“ Bis zu 20 Geburten müsse eine Hebamme jetzt schon dafür aufbringen, nur um die Haftpflicht zu bezahlen. Steige die Prämie weiter an, sei das für viele nicht mehr zu schaffen – auch ein Hebammentag habe nur 24 Stunden. Wer könne, versuche jetzt, in großen Kliniken oder Zentren unterzukommen. Abgesehen davon, dass diese Stellen rar seien, kommt das für Caroline Andre nicht in Frage. „Laut Sozialgesetzbuch ist die Wahlfreiheit des Ortes der Geburt als zentrales Frauenrecht garantiert. In meinen Augen verstößt es gegen unser Berufsethos, Frauen nur noch während der Geburt im Krankenhaus zu begleiten und auf eine umfassende, persönliche Vor- und Nachsorge zu verzichten. Mit meiner Vorstellung des Hebammenberufs hat das jedenfalls nicht mehr viel zu tun.“ Sorgen macht sie sich außerdem, was den Nachwuchs betrifft. „Welche Frau entscheidet sich noch für den Beruf der Hebamme, wenn sie von vornherein weiß, dass sie davon nicht leben kann?“

Protest im Internet

Caroline André ist seit 2012 für die Hebammengemeinschaft Schwabach tätig. Gemeinsam mit fünf Kolleginnen begleitet sie werdende Mütter ab dem Beginn der Schwangerschaft und steht ihnen auch nach der Geburt im Wochenbett zur Seite. Zusätzlich leisten
die Hebammen für das Stadtkrankenhaus Schwabach Rufbereitschaft; springen also auch bei akuten Geburten ein. „Wenn die Hebammengemeinschaft Schwabach uns nicht mehr unterstützen kann, hat das auch für unser Haus dramatische Konsequenzen“, unterstreicht Stadtkrankenhaus-Geschäftsführer Diakon Klaus Seitzinger den Ernst der Lage. „Deshalb stehen wir den Hebammen in ihrer Protestaktion `Rettet unsere Hebammen ́ uneingeschränkt zur Seite und rufen dazu auf, bei den Unterschriftenaktionen und Mahnwachen mitzumachen.“ Auch auf Facebook gibt es eine „Rettet unsere Hebammen“- Seite, auf der man sich über geplante Aktionen informieren kann. Infos: www.hebammenunterstuetzung.de

„Wir brauchen Kinder“

Steigende Berufshaftpflichtprämien sind für die Hebammen in Deutschland nichts Neues. Allerdings hat sich der Anstieg in den letzten Jahren rapide beschleunigt: Lag der Satz im Jahr 1981 noch bei umgerechnet 30,68 Euro, sprang er nach der Jahrtausendwende in 1.000-Euro- Schritten auf 4.480 Euro seit Juli 2013. Ziel der Versicherung ist es, für Fehler der Hebamme bei der Geburt einzuspringen. Laut Statistik ist dies bei jeder 800. Geburt der Fall. Weil die Gerichte den geschädigten Kindern heute unter anderem ein immer höheres Schmerzensgeld sowie langjährige Pflegekosten und Erwerbsausfälle zusprechen, sind die Kosten für die Versicherer explodiert. Der komplette Austritt der Versicherungen aus der Berufshaftpflicht mag aus wirtschaftlicher Sicht ein konsequenter Schritt sein. Für Caroline Andre und ihre Kolleginnen, aber auch das Stadtkrankenhaus Schwabach ist dies Sparen am falschen Ende: „Unsere Gesellschaft veraltet, wir brauchen Kinder. Aber wie soll das gehen, wenn wir ihnen den Start ins Leben so erschweren?“
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