Eine Frage, die auf den Nägeln brennt: Was ist im Lack?

Was ist drin im Lack? Gibt es Alternativen? (Foto: © BillionPhotos.com - Fotolia.com)
 
Der Klassiker in Rot: Doch wie viel Chemie steckt drin? (Foto: MPW/BNN e.V.)
Bio-Nagellack: Auf der Suche nach einer Lösung ohne Lösungsmittel

STYLE/KOSMETIK - Vom Vokabular her hört es sich an, als spreche man über Autos: Zunächst wird die Basisfläche poliert. Anschließend trägt man eine ebnende Grundierung auf, dass die spätere Lackschicht in prächtigen Farben strahlen kann. Zudem ist eine lange Halbwertzeit gewünscht. Aber auch wenn es hier um Kosmetik geht, ist die sprachliche Nähe von Automobil- und Nagellack kein Zufall. Denn auch ihre Geschichten sind eng miteinander verbunden.


Mit der Industrialisierung wurden neue pigmentkräftige Autolacke entwickelt, von denen die ersten Rezepturen für Kosmetiklacke abgeleitet wurden. Zählte damals vor allem die Frage des technisch und chemisch Möglichen, folgte in den 50er Jahren durch cleveres Marketing der kommerzielle Siegeszug. Heute interessieren sich immer mehr Menschen für Gesundheits- und Nachhaltigkeitsaspekte.

Polieren, Grundieren, Lackieren

Die Listen der Inhaltsstoffe von Auto- und konventionellem Nagellack ähneln sich nach wie vor. Denn auch die Effekte, die erzielt werden sollen, sind auch heute noch nahezu gleich. Ein Lack soll einfach aufzutragen sein, sich gut verteilen ohne zu tropfen, schnell härten, aber nicht splittern. Und natürlich muss das Farbergebnis stimmen. Sicherlich ließe sich mit Paintbrush auf Autokarosserien sowie Strasssteinchen und Nail-Art immer noch einen Schritt weiter denken, doch ist die Frage, die auf den Nägeln brennt, was im Lack enthalten ist. Es reicht der Blick auf die gängigen Zutaten einer herkömmlichen Rezeptur: Lösungsmittel, Kunstharze und Polymere, Acrylate, Weichmacher und einige Chemikalien mehr.

Angesichts eines solchen Chemie-Cocktails verwundert es nicht, dass, wie das Verbrauchermagazin Schrot & Korn einst schrieb, „die Luft und das Badezimmer nach BASF riechen“. Sogar die Hersteller selbst empfehlen oft, ihre Produkte bei geöffnetem Fenster aufzutragen. Untersuchungen von US-Hautärzten warnen zudem vor der Illusion, die schädlichen Stoffe chemischen Nagellacks blieben ausschließlich auf den Nägeln. Unsere Hände und Finger berühren über den Tag sehr häufig, meist unbewusst Haut und Gesicht. Die Dämpfe, die durch Lacke und Lösemittel freigesetzt werden, benebeln nicht nur, sondern können langfristig Nieren und Nervensystem schädigen. Auch Weichmacher sind für solche negativen Effekte bekannt. Filmbildner aus Kunstharzen, wie Toluolsulfonamid und Formaldehyd, gelten als hochallergen.

Nagellack zählt zu den beliebtesten Kosmetika. Lange Zeit jedoch schien es unmöglich, die chemisch-synthetischen Komponenten vollständig durch natürliche Zutaten zu ersetzen. Die ersten Erfolge konnten Naturkosmetikhersteller mit klaren Lacken erzielen, da insbesondere die Rezepturen für farbige Lacke schwierig zu substituieren waren. Mit Schellack – gewonnen aus den natürlichen Ausscheidungen einer Schildlausart – war eine gute Grundlage gefunden. Doch gab es lange Zeit nur einen zertifizierten Klarlack mit dem unternehmenseigenen NCCO-Siegel aus dem Hause Provida. Noch im März 2014 schrieb die Zeitung Ökotest: „Bunt und bio? Das gilt (noch) nicht für Nagellack“.

Wenig später allerdings präsentierte die Marke Logona mitNatural Nails die erste, ebenfalls auf Schellack basierende Farblackserie, die strengen Naturkosmetikstandards genügte. „Es war lange Zeit nicht gelungen, Pulverfarbstoffe, also unbedenkliche natürliche und mineralische Pigmente, so mit dem Schellack zu verbinden, dass sie sich nicht am Boden absetzen und verklumpen“, erklärt Heinz-Jürgen Weiland, Vorstand der Logocos Naturkosmetik AG die Schwierigkeiten. „Darüber hinaus ist die reine alkoholische Lösung so dünn, dass sie sich nicht sehr angenehm auf den Nagel auftragen lässt. Was wir brauchten, war ein Verdickungsmittel, das die Konsistenz entsprechend veränderte. Mit einem speziellen Verfahren und einer neuartigen Rezeptur ist uns dies schließlich gelungen“.

Dabei wird bei der Rezeptur nicht nur komplett auf Formaldehyd, Formaldehyharz, Toluol, Dibutylphtalat und Campher verzichtet (5free-Kategorie), sondern sie hält sogar den Kriterien der BDIH- und der NaTrue-Zertifizierungen stand. Diese legen fest, dass Bio-Kosmetik keine Erdölderivate und weitere umstrittene Inhaltsstoffe enthalten und ausschließlich nach bestimmten, schonenden Herstellungsverfahren produziert werden darf. „Konventionelle Lacke setzen auf chemische Lösungsmittel und Filmbildner, die ein schnelles Trocknen begünstigen. Leider rufen diese aber häufig Nebenwirkungen wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Haut- und Augenreizungen hervor und gelten gesundheitlich als bedenklich“, so Weiland. Über den persönlichen Gesundheitsaspekt hinaus bieten Naturkosmetikhersteller noch weitere Mehrwerte, u.a. für die Umwelt, durch die Wahl nachhaltiger Rohstoffe oder den Verzicht auf Tierversuche in Forschung und Herstellung.

Aus einem Produkt der Autoindustrie hervorgegangen, hat sich Nagellack zur nicht wegzudenkenden Kult-Kosmetik entwickelt. Nach Jahren intensiver Suche und Versuche, eine Lösung für Lösungsmittel und andere chemische Stoffe zu finden, nehmen nun auch die Naturkosmetikhersteller Fahrt auf. Anders als herkömmliche Nagellacke, liegen die Naturkosmetikfirmen dabei jedoch im Trend der Verbrauchererwartungen, denen mehr und mehr eine nachhaltige Herstellung und ein für die Gesundheit unbedenkliches Produkt, zugrunde liegen. ,,Bunt und Bio?" - Das trifft den Fingernagel auf den Kopf.

Hintergrund:
Der Bundesverband Naturkost Naturwaren e.V. vertritt die Unternehmen der Naturkost- und Naturwarenbranche. Der Verband verabschiedet besondere Qualitätsrichtlinien für den Naturkost-Fachhandel, die über die gesetzlichen Anforderungen für Bio-Produkte hinausgehen. Der Naturkost-Fachhandel erzielte 2014 in Deutschland einen Umsatz von 2,74 Milliarden Euro mit Bio-Lebensmitteln und Naturkosmetik.
Quelle: Bundesverband Naturkost Naturwaren e.V.
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