Frühjahrsputz für Radfahrer: Wer gut schmiert, fährt besser

Endlich wieder bei milden Temperaturen mit dem Rad in die Natur – allerdings ist dafür Arbeit vonnöten, um es aus dem Winterschlaf zu erwecken. (Foto: fotolia.com © Jürgen Wackenhut)
 
Schmutz in den Ecken sollte man mit Zahnbürsten bekämpfen. Eine so verdreckte Kette gehört übrigens demontiert und über Nacht eingelegt. (Foto: fotolia.com © Fotos 593)
 
Oberflächlicher Flugrost ist nur ein optischer Mangel. Mit Sprühöl lässt sich die „braune Pest“ sehr wirkungsvoll wieder entfernen. (Foto: fotolia.com © praphab144)
 
Gut eingestellte und gewartete Bremsen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich mit zwei Fingern ohne besonderen Kraftaufwand betätigen lassen. (Foto: fotolia.com © pacel1964)

SERVICE (se/fi) - Endlich: Der Winter und seine Ausläufer sind vorbei. Grund genug, den Drahtesel und die dazugehörige Ausrüstung einer ausgiebigen Frühjahrsinspektion zu unterziehen. Dieser Artikel wendet sich an die Radfahr-Fans, die ihr Vehicle spätestens dann einmotten, wenn die Zugvögel den Abflug machen und es erst wieder hervorkramen, wenn sich die warme Sommer-Sonne zeigt. Was es im Einzelnen nach einem tiefen Winterschlaf des Fahrrads zu tun gibt, erklärt die folgende Checkliste.

Check 1: Grob reinigen

Je nachdem, wo man sein Rad hat überwintern lassen, haben sich darauf meist Staub, Spinnweben und Co. abgelagert. Erste Maßnahme nach dem „Befreien“ aus dem Winterquartier sollte sein, diesen Dreck mit einem Handfeger zu entfernen; vielleicht nicht mit dem, den man in der Küche verwendet, denn wenn man über Kette und Ritzel streicht, klebt schnell Schmierstoff in den Borsten – der verteilt sich dann auf allem anderen.
Als nächstes sollte man das Fahrrad in den Kofferraum oder auf den Fahrradhalter des Autos packen und zur nächsten SB-Waschanlage fahren.
Wichtig: Eventuell montierte Taschen zuhause lassen und dort in einer milden Seifenlauge reinigen und anschließend neu imprägnieren.

An der Waschanlage sollte man das Bike gründlich mit Schrubber und Hochdrucklanze bearbeiten und auch das Kettensystem nicht vergessen denn in der Schmiere hat sich eine Menge Dreck angesammelt. Doch warum nicht im eigenen Hof? Ganz einfach: SB-Waschanlagen haben Ölabscheidersysteme, sodass dieser Schmutz nicht in die Umwelt gelangen kann – anders als zuhause.
Vor allem wenn das Rad aus Stahl besteht, sollte man es anschließend schnellstmöglich gut trockenreiben, damit es nicht zu Rostproblemen kommt.

Check 2: Sichtprüfung

Als nächstes stellt man das Bike an einen gut beleuchteten Ort und nimmt am besten noch eine Taschenlampe zur Hand. Denn nun gilt es, mit scharfem Blick festzustellen, ob das vergangene Jahr und Winterruhe Negativspuren hinterlassen haben.
1. Rahmen, Pedalerie, Gabel, Lenker, Sattelstützen auf Lackabplatzer und rostige Stellen kontrollieren. Abgeplatzten Lack per Lackstift reparieren. Rostige Stellen mit Sprühöl (WD-40, Caramba, Ballistol) benetzen, über Nacht einwirken lassen. Am nächsten Tag abwischen. Größere Rostflecken mit einer Drahtbürste vorbehandeln und dann ebenso verfahren.
2. Reifen, Schläuche und Felgen prüfen. Sind die Reifen rissig oder abgefahren, müssen sie erneuert werden. Die Schläuche auf ¾ des Maximaldrucks aufpumpen und den Druck über einige Tage kontrollieren. Sinkt er, müssen die Schläuche getauscht werden. Anschließend die Speichenspannung per Gehör überprüfen – dazu die Speichen wie eine Gitarrenseite „anspielen“. Alle Speichen sollten in gleicher Tonhöhe klingen. Falls nicht, nachziehen.
3. Hinterrad aufbocken und mit den Händen die Pedale betätigen. Dabei Kette und Zahnräder mit einem dafür geeigneten Fett bzw. Öl behandeln. Nicht zu viel verwenden, das spritzt beim Fahren nach allen Seiten und verschmutzt Umwelt, Fahrrad und Kleidung. Durch einen Helfer die Gänge durchschalten lassen und prüfen, ob sie flüssig wechseln.
4. Fahrrad auf den Kopf stellen, die Räder in 9- und 3-Uhr-Position mit den Händen greifen und daran wackeln. Ist Spiel vorhanden, kann das darauf hindeuten, dass die Radlager müde werden.
5. Die Bowdenzüge von Bremsen und Schaltung auf Brüche, Risse und lose Drähte prüfen und gegebenenfalls ersetzen.
6. Die Bremsbeläge demontieren und mit grobem Sandpapier reinigen. Nun die Einstellung der Bremsen anhand ihrer Bauart kontrollieren und justieren. Abschließend die Bremsscheibe bzw. die Bremsflanke der Felge mit einem Tuch und Bremsenreiniger von Öl- und Fettspuren befreien (diese Arbeit sollte man alle paar Wochen wiederholen).
7. Die Beleuchtungsanlage prüfen. Dazu checken, ob irgendwo Drähte lose sind. Dann die Vollständigkeit von Leuchten und Reflektoren prüfen. Zuletzt durch händisches Drehen des Rades kontrollieren, ob der Dynamo Spannung erzeugt und ob alle Glühbirnen korrekt funktionieren.
Anschließend sollte man sich nochmals den Werkzeugkasten vornehmen und die Spannschrauben von Sattel, Sattelstütze und Lenker nachziehen. Ist auch diese Arbeit erledigt, kann der nächste Schritt erfolgen.

Check 3: Prüfungsfahrt

Wer in den kommenden Monaten unbeschwerte Touren genießen möchte, muss Arbeit investieren. Und dazu gehört es auch, bei der nun folgenden Prüfungsfahrt alle Sinne auf maximale Empfindlichkeit zu schalten.
Los geht es, indem man die Sattelhöhe kontrolliert. Sie ist richtig eingestellt, wenn das Knie des Beins auf dem nach unten weisenden Pedal ein wenig gebeugt ist. Ein ganz durchgestrecktes Bein ist ebenso falsch wie ein zu stark angewinkeltes – beide Zustände ermüden schnell und sorgen für Verschleißerscheinungen.
Nun sollte man kräftig in die Pedale treten und dabei vor allem die Ohren spitzen. Es darf weder in den Pedalen, noch im Kettentrieb oder den Radlagern zu wimmernden, knirschenden oder quietschenden Geräuschen kommen. Bei dieser Gelegenheit sollte man auch vorsichtig am Lenker rütteln und prüfen, ob sich das Rad dadurch über Gebühr aus der Spur bringen lässt.

Durch einen Schulterblick wird auf gerader Strecke nun geprüft, ob hinter einem die Bahn frei ist. Falls ja, kräftig sowohl Vorder- als auch Hinterradbremse betätigen. Dabei prüfen, wie stark man an den Hebeln ziehen muss und ob das Rad ruhig zum Stillstand kommt. Sind all diese Punkte absolviert, kann der Heimweg angetreten werden, es wartet noch Arbeit.
Zuhause sollte alles, was auf der Probefahrt auffiel, entweder niedergeschrieben oder sofort behoben werden – oft genug sind es nur Kleinigkeiten, die schnell zu beheben sind. Wenn beispielsweise der Lenker beim Bremsen wackelt, liegt das meist nur an zu lockerem Lenklangerspiel – das ist binnen Sekunden behoben.

Check 4: Ausrüstung

Ist der Drahtesel selbst wieder fit, kommt das Equipment unter die Lupe, welches das Radeln besonders auf großen Touren angenehm unterstützt.
Als erstes sollte man die gereinigten, getrockneten und imprägnierten Fahrradtaschen wieder montieren. Anschließend kommen die wichtigen Fahrrad-Ausrüstungsgegenstände mit Körperkontakt in den prüfenden Fokus:
• Den Helm auf Schrammen und Risse im Obermaterial prüfen. Dann aufsetzen und den Kinnriemen neu justieren. Ist er geschlossen, sollte ein Finger dazwischen passen.
• Falls spezielle Fahrradschuhe verwendet werden, prüfen, ob deren Sohle noch genug Profil hat und ob die Innensohle nicht durchgescheuert ist. Anschließend anziehen und ein paar Schritte gehen. Es darf nichts drücken oder einschneiden.
• Bei der Fahrradhose das Sitzpolster einer genauen Prüfung unterwerfen. Hat es sich durch Po und Sattel dauerhaft verformt, besteht die Gefahr von Druck- und Scheuerstellen. Dann sollte ausgetauscht werden. Dabei auf Modelle aus Kunstfaser setzen, die Schweiß gut von der Haut wegleiten.

Ein letzter Check gilt dem Fahrradrucksack. Auch er sollte gereinigt und neu imprägniert werden. Dann die Träger neu einstellen: Sind Beckengurte vorhanden, müssen diese über den Hüftkamm verlaufen – also einer nach hinten gezogenen, gedachten Linie vom Hüftknochen aus gesehen. Wenn die Gurte darauf sitzen, muss man die Schultergurte nur noch so strammziehen, dass man bequem die Arme bewegen kann und alles sitzt.

Check 5: Körper-Frühjahrsputz

Bike und Ausrüstung sind wieder tauglich. Allerdings gilt das noch nicht für den Körper, der ja ebenfalls wahrscheinlich mehrere Monate lang eher unbewegt war. Wer sich so gleich beim nächsten Sonnentag auf den Sattel schwingt und dutzende Kilometer abspult, riskiert, dass die noch im „Gemütlichkeitsmodus“ befindlichen Muskeln allzu ruppig erweckt werden und mit mikroskopisch kleinen Rissen gegen die Belastung aufbegehren.
Damit das nicht passiert, muss auch der Körper vor den ersten Radtouren gepflegt werden:
• Die Ober- und Unterschenkelmuskulatur nach dem täglichen Duschen mit den Händen massieren. Das macht sie geschmeidig und verbessert die Durchblutung.
• Unmittelbar vor dem Radfahren die Muskeln durch passende Dehnübungen auf die Belastungen vorbereiten.
• Mit kleinen Distanzen anfangen – zum Brötchenholen, zum Einkauf oder einfach nur einen kleinen Rundtrip nach Feierabend. Das bringt wieder Routine in den Bewegungsapparat.

Wenn man sich so ein, zwei Wochen lang verhalten hat (und nicht gerade auf dem Rennrad Höchstleistungen erzielen will) ist der Körper hinreichend vorbereitet, damit man sich wieder auf längere Touren konzentrieren kann. Doch auch dabei gelten die guten Regeln des Radfahrens. Also auf den Körper hören, keine Zipperlein aus falsch verstandener Härte abtun und bei Schmerzen durch korrektes Verhalten entgegensteuern.
Überdies sollte man gerade jetzt, der Kleidung noch ein größeres Augenmaß zukommen lassen. Durch Wind in Kombination mit der zusätzlichen Zugluft durch das Fahren kühlen Muskeln sehr schnell aus. Auch wenn demnächst das Thermometer bei blauem Himmel und Sonnenschein das erste mal die 30er-Marke knackt, sollte einen das nicht dazu verleiten, gleich nur noch in kurzen Hosen auf dem Sattel zu sitzen.
Deshalb lieber etwas zu warm anziehen und in Kauf nehmen, dass dann ein paar Schweißperlen fließen, als durch zu dünne Kleidung schmerzende und/oder verletzte Muskeln zu riskieren. Der Körper wird es in jedem Fall danken.

Fazit

Wer Fahrrad, Ausrüstung und Körper im vergangenen Herbst in den Winterschlaf legte, muss – bei allem Enthusiasmus – nun ein paar Extrastunden einplanen, um das Material wieder aus eben dieser Ruhephase herauszunehmen. Dabei gilt natürlich auch hier die klassische Regel sämtlicher Technik und Sportarten: Je mehr Zeit man in die Vorbereitung und die Inspizierung investiert, desto geringer ist das Risiko, von Schäden und Problemen überrascht zu werden.
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