Cannabis-Legalisierung
Was Politik und Branche planen

Wenn es nach FDP und Grüne geht, dann sollen Besitz und Konsum von Cannabis erlaubt werden.
  • Wenn es nach FDP und Grüne geht, dann sollen Besitz und Konsum von Cannabis erlaubt werden.
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Darauf haben Branche und Verbände seit Jahren hingearbeitet: Die Cannabis-Legalisierung rückt in greifbare Nähe. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat für den Sommer einen „Zwischenspurt“ für neue Reformen zur medizinischen Versorgung in Deutschland angekündigt – inklusive der Legalisierung von Cannabis. Sie soll nun schneller kommen, als erwartet. „Ich werde die Gesetzesinitiative zur Cannabis-Legalisierung starten“, kündigte Lauterbach Anfang Mai in Berlin zum ersten Mal öffentlich an.

Was vor Jahren noch eine Sensation gewesen wäre, kommt allerdings nicht überraschend. Schließlich hatten sich die drei Regierungsparteien im November 2021 in ihrem Koalitionsvertrag auf die „kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften“ geeinigt. Eine Wende hat jedoch Lauterbach persönlich vollzogen. Er stand dem Vorhaben bislang ablehnend gegenüber und war kein Fan der Legalisierung. Was ihn zum Umdenken bewogen hat, sagt er selbst: „Verunreinigte Cannabis-Verabreichungen sind aus meiner Sicht mittlerweile ein größeres Risiko als eine kontrollierte Abgabe an Menschen, die Cannabis in der entsprechenden Qualität kontrolliert konsumieren.“ Nun schätzt er die Gefahren einer Legalisierung inzwischen als niedriger ein als die einer Nichtlegalisierung. In der zweiten Jahreshälfte möchte er deshalb einen Gesetzesentwurf vorlegen und vielleicht kann alles schon im Frühjahr 2023 starten.

Die Branche steht bereit

Die Branche und einer ihrer aktivsten Vertreter, die börsengelistete SynBiotic SE, stehen jedenfalls bereit. Ein milliardenschwerer Markt wartet darauf, aufgeweckt zu werden. Untersuchungen gehen von fünf Prozent der Erwachsenen aus, die in Deutschland regelmäßig zum Joint greifen genießen, heute allerdings noch illegaler Weise. Das sind vier Millionen Menschen. Nur medizinisches Cannabis darf seit 2017 mit einer Erlaubnis in Apotheken gekauft werden – und eigentlich auch CBD-Produkte (Cannabidiol, einer von vielen Wirkstoffen der Hanfpflanze), die weniger als 0,2 Prozent des berauschenden THC enthalten müssen. Eigentlich, weil sich Hersteller und Vertreiber von CBD-Produkten immer wieder mit den Behörden herumschlagen müssen, wie auch Lars Müller, CEO der SynBiotic SE kürzlich in einem Interview bemängelte. Dennoch bereichern CBD-Produkte, in Deutschland längst Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel und sind ebenso in Cremes und Salben zu finden. Die Legalisierung wird wahrscheinlich auch den Markt für CBD-Produkte weiter beflügeln.

Die Cannabis-Legalisierung wäre nun auch deshalb der ganz große Wurf, übrigens auch für den Staat. Laut einer Berechnung von Statista würde der Haushaltseffekt 4,7 Milliarden Euro betragen. Dazu gehören zuallererst direkte Steuereinnahmen – 1,8 Milliarden Euro, schätzt der Hanfverband –, aber auch indirekte Auswirkungen, wie Lohnsteuer oder eingesparte Gelder für Polizeieinsätze und Justizkosten.

Eine Idee: Deutsches Reinheitsgebot

Bevor es so richtig losgeht, müssen allerdings noch etliche Fragen geklärt werden, wie die Legalisierung vonstattengehen soll – sicherlich Bestandteil des sommerlichen Zwischenspurts von Karl Lauterbach. Wird Cannabis in Apotheken abgegeben oder über Coffeeshop-ähnliche Konzepte verkauft? Welche Regeln gibt es und wie sieht eine Lizenz aus? Die Branchenverbände hoffen, dass die Politik hier weiterhin auf sie zugeht. Die Unternehmer wollen mithelfen und mitgestalten – um schließlich die Kunden optimal zufrieden zu stellen. Dabei wünschen sie sich auch, dass Cannabis als Genussmittel und als Medizinprodukt differenziert werden. Schließlich sind das zwei völlig unterschiedliche Zielgruppen.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie neben dem Konsum der Anbau gesetzlich geregelt wird. Oder doch nur Import? Und woher und unter welchen Bedingungen? Den Verkauf und private Nutzung kann man relativ rasch freigeben – aber Kapazitäten für den Anbau gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht. Hier wird es anfangs einen massiven Import geben und erst schrittweise die Möglichkeit der Produktion in Deutschland, die hoffentlich nicht allzu stark reglementiert wird. Denn sonst machen andere Länder das Geld mit deutschen Konsumenten.

Dabei ist auch wichtig, welche Qualität das Cannabis haben muss. Wenn es nach Pharma-Regeln in Reinräumen angebaut werden muss, wird das Cannabis nicht zu bezahlen sein – und übrigens zu hohem Energieverbrauch und damit einem alles anderen als „grünen“ Fußabdruck von Cannabis führen. Lars Müller, CEO der SynBiotic SE, plädiert daher für „Food Grade“ oder einen neuen Qualitätsstandard. Davon hänge schließlich ab, ob und wie schnell man eine Produktion hierzulande hochfahren kann. Schön wäre aus seiner Sicht ein neues Qualitätsmerkmal wie das deutsche Reinheitsgebot beim Bier, sagte er jüngst in einem Interview: „Ich hoffe, dass wir da Lösungen finden, die ein guter Mittelweg sind und eine hohe Qualität und eine hohe Reinheit bringen. Das ist ein wichtiger Punkt im Vergleich zum Schwarzmarkt, wo man die Qualität des Produkts nicht kennt.“

Cannabis-Handelskette für Deutschland

Wird es Cannabis dann nur in Apotheken oder wie wird der Satz aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt werden: "die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften“? Konkrete Wünsche und auch Konzepte bietet hierzu schon die deutsch Cannabiswirtschaft. Auch hier allen voran die SynBiotic SE. Die Münchner Unternehmensgruppe will hippe Fachgeschäfte – aber mit gut ausgebildeten Fachpersonal. Schließlich will und muss man den zu Recht allerorts geforderten verantwortungsvollen Umgang mit Cannabis gewährleisten. Auch nach der Legalisierung: Es geht hier um eine Droge mit Risiken und naja, eben nicht „Brokkoli“.

Im April ist Serienunternehmer Müller bereits mit dem Systemgastronomen Enchilada-Gruppe ein Joint Venture eingegangen – ein wahrlich passendes Wort in diesem Zusammenhang. Mit seinen Marken Besitos, Pommes Freunde, Dean & David und anderen betreiben sie 70 Standorte in ganz Deutschland, vor allem in den Metropolen. Gemeinsam mit Enchilada konzentriert sich Synbiotic auf Vertrieb und Abgabestellen – und möchte die Cannabis-Handelskette in und für Deutschland werden. „Wir bereiten uns hier an allen Fronten vor, vom Import über die Vermarktung bis zum Verkauf, und holen die Pläne aus der Schublade, sobald die Cannabis-Legalisierung beschlossen ist“, sagte Müller in einem Gespräch mit t-online im April.

Und selbst wenn es so wie in Spanien kommt, wo jeder Bürger privat drei Hanfpflanzen zuhause haben darf – mit einem Onlineshop für die entsprechende Ausrüstung bedient Synbiotic auch diese Zielgruppe.

Autor:

Arthur Kreklau aus Fürth

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