Was er nach seinem Amtsende tun will und was nicht:
Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly spricht Klartext im MarktSpiegel-Interview!

Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly (58, SPD) beim Interview-Termin in seinem Amtszimmer.�
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  • Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly (58, SPD) beim Interview-Termin in seinem Amtszimmer.
  • Foto: © Udo Dreier
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Von PETER MASKOW

NÜRNBERG (mask) – Seine Ankündigung, 2020 nicht mehr zur OB-Wahl anzutreten, ist für Nürnberg die Nachricht des Monats. Aber was hat Dr. Ulrich Maly (SPD) nach Ende seiner Amtszeit vor? Der MarktSpiegel hat mit ihm darüber gesprochen. 

MarktSpiegel: Herr Oberbürgermeister, bei der Kommunalwahl 2020 werden Sie nicht mehr als SPD-Kandidat für das Amt des OB zu Verfügung stehen. Sie wollen einen Generationenwechsel in der Nürnberger SPD ermöglichen. Soweit das bisher Bekannte. Was hat eigentlich Ihre Gattin Petra zu diesem Entschluss gesagt?
Dr. Ulrich Maly (lächelt): „Wir haben das gemeinsam beschlossen. Es war also nicht so, dass ich das allein erfunden und dann meiner Frau mitgeteilt hätte. Wir haben ja auch um die Jahreswende 2000/2001 gemeinsam entschieden, dass ich in Nürnberg kandidiere.Vor sechs Jahren haben wir das erste Mal darüber geredet, wann der richtige Zeitpunkt ist, aufzuhören. Es ist doch so: Bei vielen Kollegen, die langjährig im Amt waren, hieß es, als sie gingen: ,Jetzt ist es aber Zeit geworden, dass der Alte geht!‘ Dann ist es aber zu spät, wenn dieses Gefühl da ist.
Dazu kommt die Frage: kann man sich noch jeden Tag neu erfinden? Hat man noch die Ruhe und Gelassenheit, auch mit schwierigen Bürgern alles bis zu Ende zu diskutieren? Oder hast du alles schon mal gehört, alles schon mal gesagt? Ich habe mir gedacht: bevor ich in die Gefahr gerate, dass es soweit kommt, gehe ich lieber ein bisschen zu früh als zu spät. Ich bin auch ganz mit mir im Reinen über den Entschluss.“

MarktSpiegel: In welchem Zustand übergeben Sie Nürnberg an Ihren Nachfolger? Wie weit wird Ihr Ringen um Arbeitsplätze, Wohnraum und Kitaplätze von Erfolg gekrönt sein?
Maly (bestimmt): „Ich ziehe noch keine Bilanz, ich bin ja noch 14 Monate im Amt. Zur Frage: Vieles hat sich verändert. Ich bin gestartet mit einer Arbeitslosenquote von 12,6 oder 12,7 Prozent, wir sind jetzt bei fünf. Stichwort Kinderkrippenversorgung: bei meinem Amtsantritt zwei Prozent – jetzt 40.In der Stadt tut sich unheimlich viel, für manche zuviel. Zu viele Baustellen und Kräne. Das heißt aber natürlich auch, dass vieles in Gang gekommen ist. Die Stadt wächst – ein Beweis dafür, dass sie attraktiv ist. Kommunalpolitik ist wie Bügelwäsche. Es gibt nicht einen Punkt, an dem du beginnst und einen, an dem du fertig wirst. Als ich anfing 2002, habe ich tausend Baustellen vorgefunden. Und ich höre, wenn ich gut bin, mit 999 Baustellen auf. Wenn man das Gefühl hat, die Lebensqualität in der Stadt hat sich insgesamt gut entwickelt, sie ist kulturell attraktiv und es macht Spaß in ihr zu leben – dann reicht mir das.“

MarktSpiegel: Die SPD wird mit Thorsten Brehm ins Rennen gehen. Wen erwarten Sie als Kandidaten der CSU?
Maly: „Ich halte es fürs Plausibelste, dass es der Fraktionsvorsitzende macht: Marcus König. Ich würde es auch etwas schräg finden, wenn man jetzt einen, der früher da war und nach Berlin gegangen ist, zurückholt. Rathauspolitik sollte sich schon aus Rathauspolitik rekrutieren.“

MarktSpiegel: Welche dicken Bretter wird Ihr Nachfolger zu bohren haben?
Maly: „Die, die wir in der Schraubzwinge gespannt haben: die Wohnungspolitik. Die Frage, wie entwickle ich die Stadt, ohne Grünflächen anzugreifen – wir sind ja eine Stadt mit wenig Grün im Inneren. Dann die digitale Stadt in all ihren Facetten! Und natürlich die Kulturhauptstadt 2025. Das ist DIE Chance, einen Aufbruch in die Zukunft zu schaffen. Und dann gibt‘s tausend Sachen, die ich jetzt noch nicht kenne, die täglich auf einen zukommen.“

MarktSpiegel: Stichwort Kulturhauptstadt! Schmerzt es Sie eigentlich gar nicht, dass Sie bei diesem maßgeblich von Kulturreferentin Prof. Julia Lehner und Ihnen angeschobenen Projekt nicht mehr dabei sind?
Maly: „Ich bin ja dabei – als Gast. Nein, es schmerzt mich nicht. Viele glauben, Julia Lehner und ich würden uns damit gegen Ende der Amtszeit ein Denkmal setzen wollen. Nicht in Beton sondern in Kultur und Events. Also ein Jahr ,Maly-Festspiele‘ und sich dann in den Ruhestand verabschieden. Das würde aber bedeuten, dass – egal wer nach mir kommt – diejenigen in ein Loch fallen. Nach einem Kulturhauptstadt-Jahr musst du durchschnaufen, dich neu sortieren. Da gibt‘s kein schneller, höher, weiter mehr. Deswegen ist das die Startrampe für die neue Generation – und nicht die Abschiedsbühne für die alte. Insofern ist der Wechsel jetzt, auch für dieses Projekt, richtig.“

MarktSpiegel: Was sehen Sie als Ihre größten Erfolge – als Ihr politisches Erbe?
Maly: „Sicherlich die deutliche Senkung der Arbeitslosenquote, die natürlich nicht auf mich allein zurückzuführen ist, da haben wir die Konjunktur als Partner. Verbunden mit einem deutlichen Downsizing unserer Wirtschaftsstruktur: Wir haben viel mehr starke Mittelständler als noch vor 20 Jahren. Zweitens die wahnsinnige Investitionsinitiative in der Kindertagsstätten-Infrastruktur. Sie ist Bedingung dafür, dass junge Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. Jenseits von praktischen, mit Daten hinterlegbaren Sachen geht‘s mir aber auch um das Gefühl in der Stadt. Nürnberg hat einen hohen Zusammenhalt. Wir wissen aus Umfragen, dass die Nürnbergerinnen und Nürnberger auf die Frage: ,Leben Sie gern in Ihrer Stadt‘ zu einem sehr hohen Prozentsatz mit ,ja‘ antworten. Das ist die schönste Bestätigung dafür, dass man eine Art zivilgesellschaftliche Identität befördern konnte. Nennen wir es ruhig Heimatgefühl!“

MarktSpiegel: Gibt‘s Punkte, bei denen Sie sagen: da habe ich eine Chance vertan? Da ist mir etwas nicht gelungen?
Maly (lachend): „...oder da möchte ich schon fertig sein? Frankenschnellweg! Volksbad! Natürlich. Das Volksbad hat mich über die ganze Zeit hinweg begleitet. Da habe ich auch Versprechen gemacht, die ich nicht gehalten habe. Sowas ist immer schmerzlich. Es gibt gute Chancen, dass wir es schaffen. Christian Vogel arbeitet daran wie ein Wilder. Ich werde als stiller Beobachter zur Wiedereröffnung kommen, aber ich werde es nicht mehr im Amt erleben. Ansonsten: man macht tausend kleine Fehler, den einen großen, an den ich noch kurz vorm Grab denken werde, gibt‘s glaub ich nicht.“

MarktSpiegel: Bleiben Sie beim 1. FCN und beim Albrecht-Dürer-Airport im Aufsichtsrat?
Maly: „Der Sitz beim Club ist der einzige, der nicht ans Amt gebunden ist, alle anderen sind Dienstaufgaben. Die erbt der Nachfolger. Beim Club bin ich für drei Jahre gewählt, so lange bleibe ich sicher drin.“

MarktSpiegel: Was werden Sie am ersten Morgen nach dem Ende Ihrer Amtszeit tun?
Maly: „Ausschlafen! Wobei, es ist ja der 1. Mai. Da gehe ich wahrscheinlich aus alter Gewohnheit zur DGB-Demo. Ich kann eigentlich gar nicht mehr richtig ausschlafen, weil ich so lange früh aufstehen musste. Ich bin kein Frühaufsteher, stehe aber am Wochenende selten später als halb acht auf, unter der Woche um halb sieben.“

MarktSpiegel: Drei Dinge, die Ihnen fehlen werden?
Maly: „Die Menschen hier im Büro. Wir sehen uns öfter als die Ehepartner. Dann mit Sicherheit der große Komfort, in der Großstadt einen Fahrer und keine Parkplatzprobleme zu haben. Das kann man mit Geld gar nicht bezahlen. Ob der Bedeutungsverlust weh tun wird, weiß ich nicht. Da werde ich mich genau beobachten – und hoffen, dass es nicht passiert.“

MarktSpiegel: Und was wird Ihnen garantiert NICHT fehlen?
Maly (überlegt lange): „Die Termine. Die Abendtermine.“

MarktSpiegel: So recht kann sich keiner vorstellen, dass Sie politisch wirklich nichts mehr tun wollen...
Maly: „Ich mache nirgendwo anders Berufspolitik. Aber ich bleibe natürlich Sozi! Ich werde definitiv nichts zusagen, auch keine Ehrenämter, bis dieser 1. Mai 2020 gekommen ist. Und dann werde ich einfach alles auf mich zukommen lassen.“

MarktSpiegel: Sie sind Europa-Experte. Warum wollen Sie nicht über dieses spannende Thema Bücher schreiben, Vorträge halten?
Maly (schmunzelnd): „Bücher zu schreiben würde voraussetzen, dass jemand lesen will, was ich schreibe. Das muss man sich fragen, bevor man anfängt. Vorträge halten – sicher, aber nicht gegen Geld, sondern weil man überzeugt ist von einer Sache.“

MarktSpiegel: Wo wird man Sie künftig treffen?
Maly (strahlend): „Ich hoffe – und das gehört zu den heimlichen Sehnsüchten aller meiner Kollegen und ich bin da nicht anders: in allen Biergärten, wo man mich jetzt nicht sieht, weil ich Termine habe. Oder in Straßencafés! Ansonsten sehr viel häufiger bei Kulturveranstaltungen, in Ausstellungen, bei Vernissagen. Im Theater, weil ich ja momentan nicht einmal einen Bruchteil der Premieren schaffe. Das ist tatsächlich ganz lange ausgefallen. Und – da wird man mich zwar nicht sehen – aber ich freue mich auf Treffen mit dem Freundeskreis, den es vor der Politik gab. Das sind diejenigen, die dir bleiben. Die habe ich vernachlässigt in den letzten Jahren.“

Stimmen zum Rückzug

• Markus König, CSU-Fraktionsvorsitzender Nürnberg: „Einer der wenigen Spitzenpolitiker, die es geschafft haben aufzuhören, bevor sich alle wünschen dass sie aufhören.“

• Thorsten Brehm, SPD-Kandidat für die OB-Wahl 2020: „Wir werden uns gemeinsam der Herausforderung des Stabwechsels stellen.“

• SPD-Bürgermeister Christian Vogel: „Er wird mir nach 2020 als freundschaftlicher Partner im Rathaus fehlen.“

• Dr. Günther Beckstein (CSU),Ministerpräsident a.D.: „Wir hatten eine hervorragende Zusammenarbeit, Maly hat immer zugunsten der Stadt Nürnberg argumentiert.“

• Fürths OB Thomas Jung (SPD): „Sein Meisterstück war die Schaffung der Metropolregion Nürnberg.“

• Prof. Siegfried Balleis, Alt-OB von Erlangen: „Uli Maly hat immer wieder zu erkennen gegeben, dass es sehr wohl ein Leben jenseits der Politik gibt. Allerdings war ich der Auffassung, dass er sich wieder von seiner Partei in die Pflicht nehmen lässt.“

Das ist Ulrich Maly

Dr. Ulrich Maly (*8. August 1960 in Nürnberg) ist seit 2002 Oberbürgermeister von Nürnberg und war von 2013 bis 2015 Präsident und anschließend Vizepräsident des Deutschen Städtetags. Nach Abitur am Johannes-Scharrer-Gymnasium und Zivildienst im Mimberger Altenheim studierte er bis 1987 Volkswirtschaft an der FAU. 1990 wurde er Geschäftsführer der SPD-Stadtratsfraktion, von 1996 bis 2002 war er Kämmerer der Stadt Nürnberg. 2002 löste er Ludwig Scholz (CSU) als OB ab. Er ist seit 1991 verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Autor:

Redaktion MarktSpiegel aus Nürnberg

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