Wie wird die neue Normalität nach der Corona-Krise aussehen?
Dr. Ingo Friedrich: 10 Gründe warum Lockerungen jetzt nötig sind!

Dr. Ingo Friedrich, Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats.
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  • Dr. Ingo Friedrich, Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats.
  • Foto: Quelle: Dr. Ingo Friedrich, MdEP a.D.
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REGION/FRANKEN (nf) - Die „neue Normalität“ in Deutschland nach der Corona-Krise und warum Lockerungen schon jetzt notwendig sind, erklärt Dr. Ingo Friedrich, Präsident des Europäischen Wirtschaftssenates. Doch wie wird die sogenannte Normalität aussehen, von der jetzt alle Beobachter reden? Friedrich sieht im wirtschaftlichen Bereich 10 Trends auf uns zukommen. 

1. Es wird, trotz der Staatsmilliarden, zu keinem nennenswerten Anstieg der Inflationsrate kommen. Dies deshalb, weil die zu erwartende wirtschaftliche Erholung nur sehr langsam in Schwung kommen wird. Und: die staatlichen Hilfen ersetzen die heute schon sichtbaren Einbrüche und Verluste nur zum Teil und wirken deshalb nicht inflationär. Eher sind in den nächsten Monaten leichte deflatorische Entwicklungen zu erwarten.

2. Die zu befürchtende Insolvenz-Welle in der mittelständischen Wirtschaft wird zu einem schmerzhaften Konzentrationsprozess führen, nach dem Motto „die großen werden größer“ und viele kleine „Solo-Unternehmer“ werden (leider) ganz vom Markt verschwinden. Alle staatlichen Hilfen, die hier mittelstandsfördernd eingreifen, sind gut angelegtes Geld.

3. Es wird eine Vielzahl neuer Ideen und Formate von neuartigen Unternehmungen und Startups geben. Alles was mit Digitalisierung, Home-Office, Videokonferenzen, Videoseminaren, Hauslieferungen und ähnlichem zu tun hat, eröffnet ganz neue Produktideen. Hinzu kommen wegen der neuen Gesundheits- und Hygieneprobleme (eine nächste Pandemie ist ja nicht auszuschließen) zu erwartende neue Gesetze und Vorschriften, die ebenfalls ganz neue Leistungen und Produkte erforderlich machen. Man denke nur an die großen Bereiche Gebäude, Schulen, Hotels, Gastronomie, aber auch an alle Stätten, wo Ansammlungen von Menschen zukünftig unter ganz anderen Bedingungen stattfinden müssen. 

4. Die Krise wird leider nicht zu einer an sich sinnvollen verbesserten internationalen Zusammenarbeit führen. Nein, sie wird den nationalen Egoismus weiter anstacheln und die einzelnen Nationen werden einen noch intensivierten Kampf um einen globalen ,,Platz an der Sonne” führen. Die Globalisierung der internationalen Wirtschaft wird dadurch zwar nicht gestoppt, aber doch deutlich erschwert werden.

5. Die erwartenden exorbitanten Staatsschulden werden von den gut verwalteten Ländern zwar unter Schmerzen, aber eben doch bewältigt werden können. So wird in Deutschland die Staatsschuldenquote - auch unter Berücksichtigung der Hilfen für EU-Mitgliedstaaten - etwa von 60 auf 80 Prozent, im worst case auf 90 Prozent anwachsen. Dies ist nicht schön und nicht leicht, aber eben doch handelbar. Ganz anders in Ländern mit großen Ausgangsproblemen: Hier muss leider mit Staatsbankrotten, großen Sozialproblemen und infolgedessen mit dem Ausfall ganzer Märkte gerechnet werden. Im Blick hierfür stehen insbesondere die Staaten Afrikas und Südamerikas. Auch großzügige Programme und Schuldenerlasse werden daran nicht viel ändern können.

6. In der klein gewordenen Welt des 21. Jahrhunderts wird das weltweite Image eines Staates zunehmend zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Man stelle sich nur vor, eine zweite ähnliche Pandemie käme wiederum aus China. Dann würden alle betroffenen Staaten gewaltige Rechnungen nach China schicken und internationale Gerichtshöfe würden gigantische Prozesse gegen China führen. Einen solchen Imageschaden könnte sich nicht einmal das Wachstumsland Nr. 1 China „leisten“.

7. Europa hätte angesichts des derzeitigen Ausfalls der Führungs- und Ordnungsmacht Amerika die große Chance, ja die Aufgabe als seriöse und den Menschenrechten verpflichtete Macht des Friedens eine globale Rolle als globaler Stabilitätsfaktor wahrzunehmen. Mehr globale Stabilität würde gleichzeitig allen Staaten - also auch den Europäern - helfen, um die akuten Herausforderungen zu bewältigen. Die Frage ist nur, sind wir dazu bereit oder wollen wir Europäer, a la Brexit, immer noch vor allem unser „eigenes Süppchen“ kochen.

8. Die große Staatskunst in der jetzigen Phase der Krise besteht darin, die absolut notwendigen Lockerungen so intelligent wie möglich (zur weiteren Senkung der Infektionen) und gleichzeitig so wirksam und wirtschaftlich helfend zu gestalten. Eine mitdenkende und mitgestaltende Bürgerschaft ist dabei von unschätzbarem Wert.

9. Deutschland hat im Vergleich zu den anderen Staaten bei der Krisenbewältigung bisher einen hervorragenden Job gemacht. Dies sollte uns hoffen lassen, dass der Start in die neue Normalität genauso gut gelingt. 

10. Jede Krise bringt neue Risiken aber auch neue Chancen, möge uns die Weisheit geschenkt werden, das eine von dem anderen zu unterscheiden und entsprechend zu handeln.

Dr. Ingo Friedrich ist Dipl.-Volkswirt, verheiratet, zwei Kinder
Vizepräsident des Europäischen Parlaments a.D.
Mitglied im CSU-Parteivorstand
Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats
Schatzmeister der Hanns-Seidel-Stiftung
Präsident der Finanzstiftung der Europäische Volkspartei (EVP / EPP)

Dr. Ingo Friedrich, Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats.
Dr. Ingo Friedrich, Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats.
Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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