Quo vadis, deutsche Manga-Zeichner?

Wir befinden uns im zweiten Jahrzehnt des deutschen Manga. Zeit für eine kleine Bestandaufnahme. Was wurde aus den frühen Popstars der Szene, den ersten deutschen Zeichnern, die im japanischen Stil zeichneten? Was bringt die Zukunft?

Die späten 90er-Jahre brachten eine große Veränderung für die deutsche Jugendkultur, als sie ihr einen großen Japan-Stempel aufdrückten. Der Manga begann seinen Siegeszug durch den Mut des Hamburger Carlsen-Verlags, die exotischen Fernost-Comics möglichst originalgetreu zu lokalisieren. Deutsche Texte, aber die typische spiegelverkehrte Leserichtung. Vorwiegend schwarzweiß gedruckt und einfach anders. Während andere Länder schon deutlich eher mit der Materie vertraut gemacht wurden, musste das Land von Max und Moritz viel aufholen und erlebte mehrere Jahre lang einen wahren Manga-Boom. Fernsehsender wie RTL 2 setzten vermehrt auf japanischen Zeichentrick (Anime), erste Conventions und Online-Communitys entwickelten sich um den Hype, Buchhandlungen quollen über vor Titeln wie Dragon Ball, One Piece oder Ranma ½.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die deutsche Zeichner-Szene auf den Zug aufsprang und eigene Talente hervorbrachte. Gepusht durch Magazine wie die primär an Jungs an gerichtete BANZAI! oder das Pendant für Mädchen, die DAISUKI, stürmten Nachwuchs-Mangaka wie Robert Labs respektive Judith Park die Verkaufscharts. Zugegeben, diese frühen Publikationen waren meist noch recht hakelige Angelegenheiten; krumme Proportionen, naives Story Telling – kurz: ein weiter Weg bis zu den japanischen Vorreitern. Doch der Grundstein war gelegt und die frühen deutschen Mangaka wurden wie Popstars gefeiert. Eine Ehre, die dem eigentlichen ersten deutschen Mangaka leider bis heute verwehrt blieb … Die Rede ist von Jürgen Seebeck, der mit seinen genialen Übersetzungen der ersten großen Manga-Tophits (z.B. Dragon Ball und Akira) einen wesentlichen Beitrag für den Boom leistete und bereits in den frühen 90ern direkt in Japan veröffentlichen durfte – wiederum eine Ehre, die in der Form seinen deutschen Nachfolgern verwehrt bleiben sollte.

Nachdem frühe deutsche Mangas anscheinend problemlos fünfstellige Auflagen unters Japan-affine Volk brachten, breiteten sich zunehmend erste Schattenseiten dieser Entwicklung aus. Zwar wurden die einheimischen Zeichner von vielen geliebt, doch mindestens genauso viele begegneten den Landsleuten mit Spott und herber Kritik. Videos von Buchverbrennungen tauchten im Internet auf, Grundsatzdiskussionen beschäftigten die Community, ob sich deutsche Zeichner überhaupt Mangaka (Manga-Zeichner) schimpfen dürfen und ob es ihre Werke verdient haben, als Manga bezeichnet zu werden. Geschürt wurde die zunehmend negative Atmosphäre durch einen wahren Publikationswahn vermeintlicher deutscher Talente. Immer mehr Zeichner bzw. eher Zeichnerinnen wurden durch die großen Verlage auf den grausamen Markt losgelassen. Die meisten von ihnen mussten gehörig Federn lassen. Besucherlose Signierstunden, verschwindend geringe Verkaufszahlen und immer wieder die Missachtung durch das Publikum. Kurz aufblitzende Namen, an die sich heute kaum noch jemand erinnert, da die zugehörigen Künstler bereits nach dem Debüt-Werk das Handtuch warfen.

Was ist heute geblieben? Der Boom um Manga und Anime ist abgeebbt und die Möglichkeit für deutsche Nachwuchs-Talente, auf der Welle mitzureiten ist versiegt. Doch es gibt sie, die KünstlerInnen, die es geschafft haben, sich durchzubeißen. Während viele ihrer KollegInnen fielen wie die Fliegen, hat sich eine Handvoll deutscher Mangaka (oder wie auch immer man sie nennen mag) gehalten. Darunter Anna Hollmann, der es gelang, mit ihrer Boys Love-Reihe Stupid Story ein Mainstream-Werk par excellence zu schaffen, dessen Verkaufszahlen selbst die japanische Konkurrenz erzittern lässt und das in den letzten Jahren fast jeden nennenswerten Publikumspreis verbuchen konnte. Kommerziell ähnlich erfolgreich sind die Österreicherin Melanie Schober mit ihrer Personal Paradise-Reihe oder Anike Hage, deren Werke bereits in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und die mit ihrer Adaption des Nuklear-Katastrophen-Romans Die Wolke in den Fokus des Feuilletons rückte. Als einer der letzten männlichen Vertreter der Zunft sei Marathon-Zeichner David Füleki genannt: Mit seinen kreativen und qualitativ verblüffend hochwertigen Auseinadersetzungen mit dem Medium Manga und Comic allgemein konnte er selbst Manga-Kritiker überzeugen und unzählige Preise gewinnen.

Es liegt nun in den Händen dieser angesprochenen Ausnahme-Zeichner und ihren wenigen verbliebenen KollegInnen, den bereits eingeschlagenen Weg weiter zu bestreiten und dem deutschen Manga ein eigenes Gesicht zu geben, etwas Eigenständiges zu schaffen, das sich nicht hinter den japanischen Vorbildern verstecken braucht. Und während sie kräftig an dieser Identität arbeiten, ist bereits Verstärkung aus dem Independent-Bereich unterwegs. Denn nie zuvor brummte die sogenannte Doujinshi-Szene so sehr wie in den letzten Jahren. Nachwuchs-Zeichner üben sich in Eigenverlagswesen und publizieren komplett selbstgemachte Kurz-Mangas oder ganze Taschenbücher in kleinen Auflagen. Vorbei ist die Zeit, in der man sich von Wellen mitreißen ließ; jetzt heißt es selber anpacken! Bei all dem Enthusiasmus wird es höchst interessant sein, zu beobachten, was sich da in den kommenden Jahren entwickelt. Fest steht bereits: Diese Gruppe von AutorInnen ist unabhängig von Booms und Hypes ein fester Teil der deutschen Comic-Landschaft geworden und durchaus in der Lage, noch weitaus mehr zu erreichen.
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