Auf Einladung von Joachim Herrmann: Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster war zu Gast in Erlangen

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (2.v.r.) mit seinem prominenten Ehrengast und Referenten Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und den Dekanen Peter Huschke (l., Evangelisch-Lutherisches Dekanat Erlangen) und Josef Dobeneck (r., Erzbischöfliches Dekanat Erlangen) (Foto: © Henning Nürnberg)

ERLANGEN - „Wir sind stolz, dass der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz und auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland allesamt in Bayern zu Hause sind.“ Mit diesen Worten hieß Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im Rahmen seiner von ihm initiierten Vortrags- und Gesprächsreihe zur Zukunft der Kirchen hierzulande seinen prominenten Gastredner Dr. Josef Schuster im Kreuz+Quer – Haus der evangelischen Kirche am Bohlenplatz willkommen.

„Wir haben unsere Koffer ausgepackt. Wir fühlen uns als Teil dieser Gesellschaft, wenn auch bei uns immer mal wieder ein Warnlicht blinkt. Doch dieses Gefühl der Verunsicherung gibt es auch in Teilen der übrigen Bevölkerung. Doch in der jüdischen Gemeinschaft mag das vermutlich etwas verbreiteter sein“, brachte der höchste Repräsentant der bundesweit rund 100.000 Mitglieder (davon ein Fünftel in Bayern) in 105 jüdischen Gemeinden die derzeitige Stimmungslage auf den Punkt. Seine Ausführungen gliederte der Wahl-Unterfranke mit Wohnsitz in Würzburg in drei Themenfelder: die verbreitete Israel-Feindlichkeit in der Bundesrepublik, der Antisemitismus bei Rechtsextremisten und Muslimen und die zunehmende Respektlosigkeit gegenüber Minderheiten.
Mit Sorge sieht Dr. Schuster die Wahrnehmung der meisten Bürger, dass „wir stellvertretend für das in Haftung genommen werden, was Deutsche an Israel kritisieren. Damit geht eine soziale Ausgrenzung einher, denn Juden werden damit als Fremde, als nicht Dazugehörige, stigmatisiert.“
In dem Zusammenhang verwies der hauptberufliche Mediziner (Facharzt für Innere Medizin) mit Erschrecken auf den im April vorgestellten Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus. „Die Fachleute kommen zu dem Ergebnis, dass Israel-bezogener Antisemitismus bei 40 Prozent der Bevölkerung festzustellen ist. Schon allein aufgrund dieses hohen Anteils wird deutlich: Diesen Antisemitismus finden wir nicht nur am linken oder rechten politischen Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.“ Dabei zeigt der Zentralratsvorsitzende ausdrücklich Verständnis für die Kritik an der israelischen Regierungs- und Siedlungspolitik: „Ich halte sie für völlig legitim.“
Nach dem Anschlag auf ein jüdisches Gotteshaus in Wuppertal empfiehlt der 63-Jährige zunächst einmal eine genaue Begriffsklärung. „Nur so können wir Antisemitismus gezielt bekämpfen. Deshalb sollte auch Deutschland die sogenannte working definition der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken annehmen und umsetzen. Das empfiehlt insbesondere das Europäische Parlament. Großbritannien arbeitet bereits mit Erfolg daran und hat sichtliche Erfolge erzielt bei der Erfassung und Verfolgung von Straftaten.“ Doch eine effektive Bekämpfung der wachsenden Feindlichkeit gegenüber Juden kann nach den Worten von Josef Schuster nur mit „mehr Unterstützung aus der Politik“ gelingen. Er fordert daher die Einsetzung eines Bundesbeauftragten zur Bekämpfung des Antisemitismus sowie eine bessere Zusammenarbeit von Bund und Ländern auf diesem Gebiet.
Besonders würdigte der Zentralrats-Präsident die Anstrengung der Bundesländer hinsichtlich eines zweiten NPD-Verbotsverfahrens, das „von Herrn Minister Herrmann und dem Freistaat Bayern dankenswerterweise stark unterstützt wurde. Sie sind damit den richtigen Schritt gegangen, auch wenn das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht unseren Hoffnungen entsprach. Dennoch ist nun höchstrichterlich bestätigt: Die NPD ist eine verfassungsfeindliche Partei, die wesensverwandt mit dem Nationalsozialismus ist.“ Mit Unbehagen erfüllt ihn die Tatsache, dass die rechtsextreme Szene in Deutschland diffuser wird und sich mit ungefähr geschätzten 23.000 Personen (2.200 davon in Bayern) im Aufwind befindet. Dazu kommen allein in Bayern ca. 2.700 Reichsbürger.
Die AFD betrachtet Schuster als große Gefahr. „Sie setzt auf Ausgrenzung, provoziert ganz bewusst und suggeriert hinterher stets, dass sie sich missverstanden fühlt. Die AFD schürt Ressentiments, die leider immer noch in unserer Gesellschaft schlummern und nun wieder aufgerüttelt werden. Damit nimmt sie wissentlich in Kauf, dass es mit verbalem Zündeln anfängt und brennenden Asylbewerberheimen aufhört.“ Die Statistik belegt: Im vergangenen Jahr gab es 998 Attacken auf Flüchtlingsheime und rund 2.500 Angriffe auf Flüchtlinge. Die jüdische Gemeinschaft befürchtet schon heute: „Früher oder später sind wir an der Reihe.“
Dennoch stellte der Bundesverdienstkreuzträger klar, dass „wir in diesem Land nicht vor einer Auswanderungswelle stehen. Wir versuchen, unseren bescheidenen Beitrag dazu zu leisten, antisemitische Vorurteile in der Gesellschaft nach und nach abzubauen. Das geschieht durch persönliches Kennenlernen, Förderung des Austausches auf allen Ebenen, Führungen für Schulklassen durch KZ-Gedenkstätten und interreligiöse Gespräche abzubauen.“ Auch das Miteinander mit den beiden großen christlichen Kirchen ist dem Kaufmanns- und Hotelierssohn eines sehr wichtig. Ein weiterer Erfolg im Bemühen um Verständigung drückt sich darin aus, dass im vergangenen Dezember mit der Kultusministerkonferenz der Länder – zum ersten Mal – eine gemeinsame Erklärung zur Vermittlung des Judentums im Unterricht verabschiedet wurde.
Seine Vision machte Dr. Josef Schuster, Mitglied der Bioethik-Kommission der Bayerischen Staatsregierung, zum Abschluss seines Vortrags noch einmal deutlich: „Es sind Werte wie Nächstenliebe, Fürsorge für Schwächere und Respekt, welche die Welt ein Stückchen besser machen. Diese versuchen wir, vor allem den jungen Menschen zu vermitteln.“ In diesem Kontext sieht er mit Freude das Wachstum an jüdischen Schulen in Deutschland. So wurden in 2016 zwei weitere jüdische Gymnasien in Düsseldorf und München eröffnet. Weiterführende jüdische Schulen gibt es zudem in Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg. Und mit lokalem Blick fügte er hinzu: „Die einzige neugegründete Gemeinde in Deutschland ist übrigens die in Erlangen.“
Für die Zukunft fordert der Zentralrats-Präsident „die Entwicklung einer Gedenkkultur, die auch 70 Jahre nach Kriegsende noch die Menschen erreicht, und die zu einer Einwanderungsgesellschaft passt. Das ist eine große Herausforderung.“
Das Fazit von Innenminister Joachim Herrmann – nach den bedachten Aussagen seines von ihm geschätzten Ehrengastes – fiel zufriedenstellend aus: „Wir in der Politik müssen ab und zu auf Problematiken in Folge von Nationalismus und Rechtsextremismus hinweisen und Gegenstrategien konzipieren. Doch ansonsten stelle ich mit Freude fest, dass wir heute über ein normales Zusammenleben von Christen und Juden als das Selbstverständlichste der Welt sprechen können.“
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