Handwerkskunst: 189 Jahre Kunstgießerei Burgschmiet-Lenz im Stadtarchiv

Dr. Michael Diefenbacher, Leiter des Nürnberger Stadtarchivs, mit Sabine Jahn, seit 2012 Firmenchefin der Kunstgießerei Burgschmiet-Lenz. (Foto: Nicole Fuchsbauer)
 
Die führenden Köpfe des Familienunternehmens bis heute. (Foto: Stadtarchiv Nürnberg/Repro Nicole Fuchsbauer)

NÜRNBERG (nf) - Wer eilig durch Nürnbergs Burgschmietstraße läuft oder für sich versucht, das leidige Parkplatzthema zu lösen, der verpasst womöglich ein bedeutendes Stück Handwerkskunst und Geschichte seiner Stadt. Denn hier gründete 1829 der Bildhauer und Erzgießer Jakob Daniel Burgschmiet die bis heute in Familienbesitz befindliche, über die Grenzen Frankens hinaus bekannte Kunstgießerei (heute Burgschmietstraße 14). Damals wie heute schmiegt sich das kleine Gebäude zwischen die größeren Wohnhäuser ein. Das Stadtarchiv Nürnberg hat das Firmenarchiv des Familienbetriebes elektronisch erfasst. Dr. Michael Diefenbacher, Leiter des Stadtarchivs, präsentierte es jetzt der Öffentlichkeit. Seit 2012 führt Sabine Jahn die Geschicke des alteingesessenen Unternehmens. Der MarktSpiegel hat in der Bildergalerie das ,,Damals und Heute“ bildlich gegenüber gestellt.



Der reichhaltige Bestand des Archivs erstreckt sich über den Zeitraum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre. Geboten werden sowohl Informationen zur Gießerfamilie Lenz und ihren Mitgliedern, die die Firma leiteten, als auch zur Familie des Firmengründers. Erhalten sind Skizzenbücher aus der Zeit nach 1858, Skizzensammlungen aus dem späten 19. Jahrhundert mit Entwürfen für Kriegerdenkmäler, Brunnen, Figurinen und Epitaphien, aber auch Werbematerial der Firma und Fotografien.

Der Gründer Jakob Daniel Burgschmiet (1796-1858) verlegte um 1850 die Gießhütte aus der Stadt nach St. Johannis in einen Garten an der Seilersgasse - der heutigen Burgschmietstraße. Er betrieb das Unternehmen gemeinsam mit seinem Schüler und Schwiegersohn Christoph (I.) Philipp Albrecht Lenz (1829-1915). Von Anfang hatte der Familienbetrieb eine weit über die Region hinausreichende Bedeutung. So zählen das Melanchthon-Denkmal am Egidienplatz, das Albrecht-Dürer-Denkmal nach einem Entwurf von Christian Daniel Rauch, das Beethoven-Denkmal nach einem Entwurf von Ernst Julius Hähnel in Bonn oder die Statue Kaiser Karls IV. in Prag (ebenfalls nach einem Entwurf Hähnels) zu seinen Werken.

Neben Nürnberger Arbeiten wie dem Hans-Sachs-Denkmal, dem Martin-Behaim-Denkmal oder dem Nymphenbrunnen am Aufseßplatz fertigte die Kunstgießerei für ganz Deutschland, aber auch für Prag, Chicago und Stockholm zahlreiche Denkmäler. In der Zeit von Ernst Lenz (1894-1906) entstand der Guss des Peter-Henlein Brunnens, des Kaiser-Wilhelm-Denkmals und der Nachguss des barocken Neptun-Brunnens von Georg Schweigger und Christoph Ritter. Der seinerzeit beliebte Nürnberger Gänsemännchen Brunnen erschien im Produktkatalog quasi als Deko in verschiedenen Größen und Ausführungen. Der zum Teil voll funktionsfähige kleine Brunnen kostete um die 300 Reichsmark und wurde bis nach England verkauft.

Eine wichtige Quelle zur Firmengeschichte ist ein erhaltenes Briefbuch, das ab 1858 Einträge von Mitteilungen des Christoph (I.) Lenz an Geschäftspartner enthält. So ist die Korrespondenz mit dem Prager Denkmalskomitee bezüglich der Fertigstellung des Radetzky-Denkmals oder mit dem als Sammler von Märchen bekannten Hofrat und Bibliothekar Ludwig Bechstein in Meiningen wegen des Luther-Denkmals in Möhra anlässlich des 300. Todestages des Reformators enthalten. Neben den zahlreichen Denkmälern für Herrscher, Künstler, Dichter, Denker und Reformatoren schuf die Erz- und Bildgießerei auch Brunnen, zahlreiche Sieges- und Kriegerdenkmäler, vor allem nach dem Krieg von 1871/1872, und Epitahphien. Die im Firmenarchiv enthaltenen Skizzenbücher und Entwurfszeichnungen – zum Teil von bekannten Künstlern wie Friedrich Wilhelm Wanderer, August von Kreling und Heinrich Schwabe – geben Auskunft über geplante oder bereits ausgeführte Projekte.
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