Schwere Mängel in Nürnberger Heimen - Pflege muss zur Chefsache werden

Die Pflege alter, behinderter und kranker Menschen ist mit einer großen Verantwortung verbunden. Dieser werden nicht alle Heime gerecht. (Foto: Symbolfoto: ©drubig-photo/Fotolia.com)
 
Die bayerische Staatsministerium für Pflege und Gesundheit, Melanie Huml. (Foto: oh)
 
Der Leiter des städtischen Gesundheitsamtes, Dr. Fred-Jürgen Beier. (Foto: Privat)
 
Die Leiterin der Nürnberger Heimaufsicht, Dr. Andrea Brouer. (Foto: Privat)
NÜRNBERG (vs) - Ein Thema bewegt aktuell vor allem ältere und kranke Menschen sowie deren Angehörige in der Region: Bei Kontrollen in den Nürnberger Pflegeheimen durch die Heimaufsicht, sind im ersten Halbjahr 2015 bereits rund 14 erhebliche Mängel festgestellt worden. Doch dies betrifft nur einen kleinen Teil.
Die Zahl rüttelt deshalb auf, weil es die Befürchtung zulässt, die hohe Mängelquote im vergangenen Jahr (insgesamt 32 Vorkommnisse) könnte auch in 2015 wieder erreicht oder sogar noch überschritten werden. Zum Vergleich: 2013 waren gerade einmal vier erhebliche Mängel festgestellt worden.


Zunächst einmal, so Andrea Brouer, Leiterin der FQA (Fachstelle Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht) der Stadt Nürnberg muss man differenzieren: „Die in 2014 festgestellten erheblichen Mängel wurden in 11 Einrichtungen der Altenhilfe festgestellt“. Da es insgesamt 58 Einrichtungen gibt, bedeutet dies, dass in 47 davon keine erheblichen Mängel aufgefallen sind. „Bereits bei einer kleinen Abweichung von den gesetzlichen Mindestanforderungen wird ein „normaler“ Mangel festgestellt. Daher haben fast alle 58 Einrichtungen der Altenhilfe Mängel.

Entscheidender ist, wie viele Mängel in einer Einrichtung gefunden werden und insbesondere, ob es erhebliche Mängel sind“, erklärt Dr. Fred-Jürgen Beier, Leiter des städtischen Gesundheitsamtes. Diese sind dann gegeben, so Andrea Brouer, wenn eine gesundheitliche Gefährdung und/oder eine Schädigung der Bewohner vorliegt beziehungsweise eintreten könnte. Als endgültige Konsequenz könne dies - wie etwa bei einem langanhaltenden Bestehens eines Hautdefektes durch Wundliegen - auch zum Tode des Patienten führen. Dagegen seien im Bereich technische Ausstattung in keiner der überprüften Einrichtungen ein schwerwiegender Mangel aufgefallen.

Andrea Brouer weist darauf hin, dass die bisher dokumentierten 14 gravierenden Mängelfälle keine Prognose für das Gesamtjahr 2015 erlauben: „Die von uns festgestellten Mängel verteilen sich erfahrungsgemäß nie gleichmäßig aufs Jahr. Insofern ist eine klare Prognose schwer zu erstellen. Wir hoffen natürlich, dass sich der Anstieg der festgestellten erheblichen Mängel nicht fortsetzen wird“.
Weil die Pflegekraftquote von mindestens 50 Prozent (50 Prozent der Beschäftigten müssen Fachkräfte sein) in fast allen Pflegeeinrichtungen eingehalten oder überschritten wird, sieht Dr. Beier vor allem das Problem vor allem in der Qualifikation: „Es wäre wünschenswert, wenn dem Arbeitsmarkt mehr gut qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stünden, sodass eine wirkliche Bestenauswahl möglich ist“. Auch im Bereich der Heimleitung würde sich Dr. Beier ausschließlich Fachkräfte wünschen, die zudem über eine mehrjährige Praxiserfahrung verfügen.

Nürnbergs Umwelt- und Gesundheitsreferent Dr. Peter Pluschke fordert zudem eine bessere Finanzierung der Pflegerinnen und Pfleger: „Die schwere und anspruchsvolle Arbeit in Pflegeeinrichtungen muss besser bezahlt werden, sodass die Attraktivität des Pflegeberufes in Heimen steigt. Dazu gehört aber auch, eine angemessene Stellenausstattung der Heime zu ermöglichen, um Dauerüberlastung zu vermeiden und die Voraussetzungen für eine gute Pflege zu verbessern. Und: „Auch die FQA brauchen eine bessere Finanzierung, nicht nur um ihren Kontrollauftrag umfassend erfüllen zu können, sondern auch, um die Qualitätsentwicklung in den Heimen über verstärkte Beratungs- und Schulungsangebote noch mehr fördern zu können. Insbesondere die Prüfung der sozialen Betreuung gestaltet sich schwierig, da die sozialpädagogische Personalkapazität der FQA’s bei weitem nicht ausreicht: Hier besteht ein großer Nachholbedarf“.

So finde ich das richtige Heim

Um ein gutes Heim zu finden, haben Experten einige gute Tipps auf Lager. Dr. Beier rät, dass sich der spätere Heimbewohner zusammen mit Angehörigen vor Ort ein Bild der jeweiligen Einrichtung machen sollte. Wichtige Fragen können beispielsweise sein: Gibt es eine Auswahl beim Essen? Werden eigene Wünsche berücksichtigt? Hat das Personal einen freundlichen Umgangston untereinander und mit den Patienten? Andrea Brouer verweist auf die sogenannte Bewohnervertretung, die es in vielen Heimen gibt. Diese ist ein wichtiger Ansprechpartner für die FQA. Hinterlässt ein Gespräch mit dem jeweiligen Vertreter einen guten Eindruck auf den späteren Heimbewohner und/oder dessen Angehörige?

Interview mit Staatsministerin Melanie Huml

Über das Thema „wie kann man die Pflege in Nürnberg wirksam verbessern?“ hat der MarktSpiegel mit der Bayerischen Staatsministerin für Pflege und Gesundheit, Melanie Huml, gesprochen.


MarktSpiegel: Warum dürfen, wie jetzt bei den Begehungen durch die Heimaufsicht in Nürnberg, Pflegeeinrichtungen mit offensichtlich gehäuft auftretenden schweren Mängeln nicht publik gemacht werden, um potentielle Patienten zu warnen?


Melanie Huml: Die Träger von stationären Pflegeeinrichtungen können schon jetzt die von den Fachstellen für Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA) erstellten Prüfberichte veröffentlichen. Zudem informiert und berät die FQA Menschen, die ein berechtigtes Interesse haben, über stationäre Einrichtungen (Art. 16 Abs. 1 Nr. 2 PfleWoqG). Aktuell prüft mein Haus, ob und wie eine Veröffentlichungspflicht für die Einrichtungsträger rechtlich umsetzbar ist.

MarktSpiegel: Auf den Prospekten der Einrichtungen und deren Internetseiten glaubt man, die pflegebedürftigen Menschen wären hier bestens versorgt. Welche Möglichkeiten habe ich, mich unabhängig im Vorfeld über die Qualität einer bestimmten Pflegeeinrichtung zu informieren?

Melanie Huml: Derzeit werden die Ergebnisse der Qualitätsprüfungen des MDK in Form von Pflegenoten dargestellt. Es ist gesetzlich geregelt, dass die Leistungen der Pflegeeinrichtungen sowie deren Qualität für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen verständlich, übersichtlich und vergleichbar veröffentlicht werden. Die jetzige Regelung - der sogenannte Pflege-TÜV - ermöglicht jedoch kein realistisches Bild der Qualität einer Pflegeeinrichtung. Deswegen setze ich mich hier auf Bundesebene für Nachbesserungen ein. Notwendig ist ein Bewertungssystem, das sich mehr an den wichtigen pflegerelevanten Bereichen und der Ergebnisqualität ausrichtet - und das die Menschen in der Wahl einer Einrichtung wirklich unterstützen kann.
Auch im Rahmen des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes werde ich hier auf Verbesserungen drängen. Bereits im Rahmen des Ersten Pflegestärkungsgesetzes hat ein entsprechender bayerischer Antrag im Bundesrat eine Mehrheit gefunden. Auch der Bund greift das Thema nun auf und plant Änderungen. Diese Chance muss genutzt werden, um ein realistisches Bewertungssystem zu schaffen.
Der beste Pflege-TÜV sind aber die Pflegebedürftigen selbst und ihre Angehörigen. Sie müssen sich einen eigenen Eindruck bei der Entscheidung für eine Einrichtung verschaffen. Es reicht aus meiner Sicht nicht aus, sich auf Broschüren und Internetauftritte zu verlassen.

MarktSpiegel: Viele Menschen in Pflegeeinrichtungen haben keine Angehörigen oder Verwandte, die regelmäßig zu Besuch kommen und so auch Mängel im Vorfeld erkennen können. Welche Möglichkeiten haben sie, auf Missstände aufmerksam zu machen?

Melanie Huml: Alle Bewohnerinnen und Bewohner von stationären Pflegeeinrichtungen haben die Möglichkeit, von sich aus direkt mit der zuständigen FQA oder dem MDK in Kontakt zu treten, um auf mögliche Missstände hinzuweisen. Die FQA dient dabei sozusagen als „Anwalt“ der Bewohnerinnen und Bewohner. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, sich an die Bewohnervertretung zu wenden. Diese hat die Aufgabe, Beschwerden von Bewohnerinnen und Bewohnern entgegenzunehmen und gegebenenfalls durch Verhandlungen mit der Einrichtungsleitung oder in besonderen Fällen mit dem Einrichtungsträger auf ihre Erledigung hinzuwirken. Letztlich hat aber auch der Träger einer stationären Einrichtung sicherzustellen, dass ein funktionierendes Qualitäts- und Beschwerdemanagement in den Einrichtungen betrieben wird.

MarktSpiegel: Altersdemenz wird zu einem immer größeren Problem, da geistig Verwirrte ja oftmals Sachen behaupten, die nicht stimmen oder sich oder andere beim Verlassen des Heims in Gefahr bringen könnten. Welche Modelle gibt es, um diesem Trend zum Wohle der Patienten zu begegnen?

Melanie Huml: Man geht davon aus, dass 60 bis 80 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen an einer dementiellen Erkrankung leiden. Viele dieser Menschen sind desorientiert und „weg- beziehungsweise hinlaufgefährdet“.
Bayern hat vor zwei Jahren eine Demenzstrategie entwickelt, um Betroffene und Pflegekräfte zu unterstützen. Die Bayerische Demenzstrategie hat fünf Leitziele, die in zehn Handlungsfeldern konkretisiert werden.
Im Mittelpunkt der Bayerischen Demenzstrategie steht der demenzkranke Mensch. Pflegekräfte spielen in der Versorgung Demenzkranker eine wichtige Rolle. Alle professionell Pflegenden, die Kontakt zu Demenzkranken haben, sind daher von den meisten Maßnahmen der Demenzstrategie direkt betroffen.
So befasst sich zum Beispiel ein Handlungsfeld der Demenzstrategie mit der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe. Hier werden unter anderem Ziele in der Ausbildung und weiteren Qualifizierung von Pflegekräften genannt.
Zudem fördert das Bayerische Gesundheitsministerium im Rahmen der Bayerischen Demenzstrategie auch Projekte in Pflegeheimen, wie zum Beispiel die wissenschaftliche Begleitung zur Errichtung von Pflegeoasen.

MarktSpiegel: Nach wie vor herrscht in der Pflege ein akuter Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal. Welche Rahmenbedingungen kann die Politik ändern, um dieses Berufsfeld attraktiver zu machen?

Melanie Huml: Um auch zukünftig den Bedarf an qualifizierten Pflegekräften zu sichern, müssen wir mehr Nachwuchs gewinnen, außerdem die vorhandenen Pflegekräfte in ihrer Fachlichkeit stärken und mehr helfende Hände in die Pflege bringen.
Hauptkapital einer guten Pflege sind die Pflegenden. Daher gelten mein Dank und meine Bemühungen in hohem Maße den Pflegekräften. Hier gilt es den Nachwuchs zu sichern. Auf meine Initiative hin hat der Landespflegeausschuss im November eine AG-Ausbildung eingesetzt. Diese besteht aus Vertretern der Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassen, der Freien Wohlfahrtspflege, der Bezirke, des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), der Gewerkschaft ver.di und des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Auf der Grundlage meines Fünf-Punkte-Plans zur Pflege-Ausbildung erarbeitet diese Arbeitsgruppe insbesondere die Ausgestaltung einer kommenden Ausbildungsumlage sowie die Sicherung einer zielführenden Praxisanleitung.
Wichtig ist mir zudem, unsere Pflegekräfte nicht mit unnötiger Dokumentation zu belasten, deshalb setze ich mich für die Weiterentwicklung von Entbürokratisierungskonzepten ein. Aktuell hat der Landespflegeausschuss auf unsere Initiative ein entsprechendes Begleitgremium beschlossen und Frau Staatsministerin a.D. Christa Stewens MdL die Leitung dieses Gremiums übertragen.
Derzeit wird auf Bundesebene außerdem ein Gesetz für eine generalistische Pflegeausbildung erarbeitet. Hier setzte ich mich insbesondere für ein einheitliches und gerechtes Finanzierungskonzept in der Pflegeausbildung ein. Der Bund hat bereits einen ersten Arbeitsentwurf für ein Pflegeberufegesetz vorgelegt, den wir in den vergangenen Wochen gemeinsam mit den beteiligten Ressorts geprüft haben. Der nächste Schritt wird nun die Vorlage eines Referentenentwurfs und die Einleitung des Gesetzgebungsverfahrens sein.

MarktSpiegel: Auch die Heimaufsichten leiden vielfach unter Personalmangel. Um die Vorgaben des neuen Mindestlohnes zu kontrollieren, sollen in den nächsten Jahren über 1.500 neue Stellen geschaffen werden. Wäre dies bei der Heimaufsicht nicht auch möglich?

Melanie Huml: Eine externe Qualitätssicherung für stationäre Pflegeeinrichtungen durch Prüfungen der FQA ist unabdingbar, um zu kontrollieren, dass die Einrichtungen die ordnungsrechtlichen Vorschriften einhalten. Mir ist aber klar, dass es hierfür auch einer ausreichenden Personalausstattung bei den FQAs bedarf. In den letzten Jahren wurden bei den FQAs verstärkt Pflegefachkräfte eingestellt, um die Überprüfungen im Bereich der Pflege zu intensivieren zu können. Bei den Pflegefachkräften handelt es sich nämlich um eine Berufsgruppe, deren Know-How unerlässlich ist für die Beurteilung der pflegerischen Qualität in stationären Pflegeeinrichtungen.
Darüber hinaus haben wir für die FQA mit einer Verwaltungsvorschrift die Möglichkeit geschaffen, sich auf auffällig gewordene Einrichtungen zu fokussieren und bei guten Einrichtungen die Prüfung in größeren Zeitintervallen durchzuführen.
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