Warum das Genre boomt
True Crime zwischen Faszination und Verantwortung
- Mord und Totschlag kommen in True-Crime-Formaten überproportional häufig vor - anders als in der Realität. (Illustration)
- Foto: Hendrik Schmidt/dpa
- hochgeladen von Arthur Kreklau
Köln (Celine Frohnapfel/dpa/ak) – Wahre Verbrechen haben längst den Sprung vom Nischeninteresse zum Massenphänomen geschafft. Podcasts, Serien, Bücher und Live‑Formate erreichen ein Millionenpublikum, das sich von realen Fällen angezogen fühlt. In Köln eröffnet am 8. Mai sogar eine Ausstellung über Mehrfachmörder. „Serienkiller – Die True Crime Ausstellung“ setzt auf begehbare Kulissen und Virtual‑Reality‑Elemente, die Besucherinnen und Besucher dicht an Täter‑ und Opfergeschichten heranführen.
Neu ist die Faszination nicht. Philipp Fleiter, Macher des Podcasts „Verbrechen von nebenan“, verweist auf eine lange Tradition öffentlicher Neugier an Kriminalfällen – von mittelalterlichen Hinrichtungen bis zu „Aktenzeichen XY“. Als er 2019 mit seinem Podcast startete, war das Format im deutschsprachigen Raum dennoch ungewöhnlich. Dahinter stand auch seine eigene Neigung zu „dunklen Themen“.
Besonders Podcasts haben den jüngsten Boom befeuert, beobachtet die Kriminologin und Buchautorin Gina Rosa Wollinger. Viele Menschen suchten bewusst den Nervenkitzel, ohne selbst in Gefahr zu sein. Der Realitätsbezug verstärke den Reiz: Was erzählt wird, ist tatsächlich geschehen.
Doch das Bild, das True Crime zeichnet, entspricht nur selten der kriminalistischen Wirklichkeit. Schwere Gewalttaten erscheinen in den Formaten weit häufiger, als sie statistisch vorkommen. Alltägliche Delikte wie Diebstahl oder Sachbeschädigung spielen kaum eine Rolle. Auch Täter‑Opfer‑Konstellationen werden verzerrt dargestellt: Fremde Täter, mysteriöse Motive, junge weibliche Opfer – ein Muster, das laut Wollinger wenig mit der Realität zu tun hat. Tatsächlich finden die meisten Verbrechen im sozialen Nahraum statt.
Diese Auswahl prägt die gesellschaftliche Wahrnehmung von Sicherheit und Kriminalität. Fleiter sieht darin eine große Verantwortung und betont, dass seine Fälle nur einen Ausschnitt zeigen. Kritik kommt auch vom Weißen Ring. Maria Schnelle warnt, dass viele Formate Täter stärker in den Mittelpunkt rücken als die Betroffenen. Stilmittel wie Cliffhanger und Plot‑Twists dienten der Spannung, nicht der Aufklärung. Für Opfer könne das belastend sein, zumal sie oft nicht einmal informiert würden, wenn ihre Geschichte öffentlich verarbeitet wird.
Gleichzeitig gibt es Menschen, die ihre Erlebnisse bewusst teilen möchten. Immer wieder wenden sich Betroffene an Formate wie „Verbrechen von nebenan“, um ihre Perspektive einzubringen. Für Fleiter ist das ein sensibler Moment: Hinter jedem Fall stehe ein Schicksal, keine fiktionale Figur.
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