Trauer um Prof. Dr. Hermann Glaser

Prof. Dr. Hermann Glaser legte das Fundament für den guten kulturpolitischen Ruf der Stadt. | Foto: Udo Dreier/bayernpress
  • Prof. Dr. Hermann Glaser legte das Fundament für den guten kulturpolitischen Ruf der Stadt.
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Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly: ,,Verliere einen väterlichen Freund" 

NÜRNBERG (pm/nf) - Mit großer Trauer und Betroffenheit ist die Todesnachricht von Prof. Dr. Hermann Glaser im Rathaus aufgenommen worden. Der ehemalige, langjährige Schul- und Kulturreferent ist in der Nacht zum Montag, 18. Juni 2018, im Alter von 89 Jahren gestorben.

In einer ersten Reaktion sagte Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly: „Hermann Glaser war über Jahrzehnte hinweg einer der bedeutendsten und einflussreichsten Intellektuellen und Kulturpolitiker der Bundesrepublik. Als Kulturtheoretiker galt er als einer der Väter der Soziokultur. Glaser war ein großer Denker und rastloser Schreiber, der sich immer neue Themen suchte, um die Welt zu durchdringen. Er öffnete den Kulturbegriff inhaltlich und versuchte breitere Bevölkerungsschichten in das Kulturleben einzubeziehen. Er wusste, dass Kultur Lebenselixier ist. Mit den von ihm initiierten ,Nürnberger Gesprächen‘ holte er in den 1960er Jahren nicht nur viele Intellektuelle nach Nürnberg, sondern förderte früh die Auseinandersetzung mit der besonderen Nürnberger NS- Geschichte. Die Gründung der Gesamtschule Langwasser, des Pädagogischen Instituts, des Kunstpädagogischen Zentrums, des Museums Industriekultur und die Einrichtung der Ausstellung ,Faszination und Gewalt‘ 1985 in der Zeppelintribüne sind nur einige der wegweisenden bildungs- und kulturpolitischen Neuerungen unter Glasers Ägide. Auch weit über seine Berufstätigkeit hinaus hat sich Hermann Glaser immer für ,seine‘ Stadt Nürnberg eingesetzt und so das Fundament für den guten kulturpolitischen Ruf der Stadt gelegt. Hermann Glaser war ein Homme de Lettres, Wissenschaftler, Pädagoge, Autor unzähliger Publikationen, streitbarer Demokrat und heimatverbundener Familienmensch. Sein Beitrag zur politischen Kultur in Nürnberg und weit darüber hinaus ist nicht hoch genug einzuschätzen. Ich verliere mit Hermann Glaser einen väterlichen Freund, dem ich viele inspirierende Gespräche verdanke. Unser herzliches Mitgefühl gilt nun seiner ganzen Familie.“

Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner würdigte ihren Vor-Vor-Gänger mit diesen Worten: „Prof. Dr. Hermann Glaser war ein kulturpolitischer Visionär und Vordenker, der die Kultur- und Bildungslandschaft Nürnbergs und der Bundesrepublik Deutschlands grundlegend änderte und auf Dauer prägte. Sein politisches Credo war, die integrative und emanzipatorische Kraft der Kultur zuerst im Kommunalen zu konkretisieren und in die Breite zu tragen. Insbesondere die Soziokultur ist aufs Engste mit seinem Namen verbunden. Als Mitglied der ,skeptischen Generation‘ sah er seinen Auftrag in der Zivilisierung der Gesellschaft durch Kultur. Denn er war überzeugt, mit Kultur Politik machen zu können. Als persönliches, aber auch allgemein menschliches Lebenselixier war für ihn Kultur stets die Verbindung von Ästhetischem und Politischem. Sein publizistisches Schaffen wird dauerhaft Wirkung haben.“

Prof. Dr. Hermann Glaser wurde am 28. August 1928 in Nürnberg geboren. Als Kulturhistoriker ist er durch zahlreiche Publikationen zur modernen deutschen Kultur- und Geistesgeschichte, etwa zur Industriekultur oder Museumspädagogik, hervorgetreten, die teilweise zu Standardwerken geworden sind.Nach ersten Jahren als Gymnasiallehrer wurde Hermann Glaser 1964 Schul- und Kulturreferent der Stadt Nürnberg und damit damals jüngster Referent der Bundesrepublik. 26 Jahre lang, bis 1990, verlieh er in dieser Funktion der Stadt Nürnberg eine kulturpolitische Ausstrahlung mit Vorbildfunktion in der ganzen Bundesrepublik. Mit Leidenschaft trat er für die freiheitliche Demokratie ein, was sich zum Beispiel 1981 nach den Massenverhaftungen im damaligen „Komm“ zeigte. Die von Glaser vorangetriebene Soziokultur ist seit langem unumstrittener Standard städtischer Kulturpolitik.
 
Einfluss auf das neue Kulturverständnis der Bundesrepublik nahm Hermann Glaser auch durch zahlreiche Veröffentlichungen und in überregionalen Gremien, etwa als Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Städtetags, als Gründungsmitglied der überregionalen „Kulturpolitischen Gesellschaft“ oder als Mitglied des Goethe-Instituts.Seit seinem Abschied aus der aktiven Kulturpolitik 1990 widmete sich Hermann Glaser verstärkt der publizistischen Tätigkeit und der Lehre. Er war Honorarprofessor am Institut für Kommunikationswissenschaften der Technischen Universität Berlin, lehrte am Fachbereich Kultur und Management der Dresden International University und übernahm Gastprofessuren im In- und Ausland.

Hermann Glaser nahm auf vielen Gebieten eine Vorreiterrolle ein. Schon 1961 veröffentlichte er das Buch „Das Dritte Reich. Anspruch und Wirklichkeit“, das mehrfach neu aufgelegt wurde. Die japanische Übersetzung gilt im Land der aufgehenden Sonne noch heute als Standardwerk. Bis zuletzt nahm er immer wieder an Diskussionsrunden teil und bezog zu kulturpolitischen Fragen Stellung. Seit wenigen Jahren arbeitete er als Herausgeber und Autor intensiv an einer neuen Buchreihe, die unter dem Titel „Buchfranken“ die ganze Vielfalt fränkischer Kulturlandschaften abbilden soll.
Hermann Glaser war Träger vieler Auszeichnungen. Die Stadt Nürnberg hat Glaser im Jahr 2008 in Anerkennung seiner großen Verdienste mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. Schon 1993 hatte er den Großen Kulturpreis der Stadt Nürnberg erhalten.

Zum Tode von Hermann Glaser erklärt der Vorsitzender des CSU-Bezirksverbands Nürnberg-Fürth-Schwabach und in Nürnberg-Süd und Schwabach direkt gewählte Bundestagsabgeordnete Michael Frieser: „Mit Hermann Glaser haben Nürnberg, Franken und unser Land eine außergewöhnliche und bedeutende Persönlichkeit verloren. Hermann Glaser hat sich als einer der Väter des Reformkonzepts der Soziokultur große Anerkennung für eine außergewöhnliche Lebensleistung erworben. Nicht immer lag er damit auf einer Linie mit den bürgerlichen Kräften in seiner Stadt Nürnberg, aber immer am Puls der Zeit. Als Kulturreferent, Kulturwissenschaftler und vielfacher Publizist in den langen Jahren seines öffentlichen Wirkens genoss er breite Anerkennung und hohen Respekt. Durch Auszeichnungen wie die Bürgermedaille der Stadt Nürnberg, das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland und der Wolfram-von-Eschenbach-Preis wurden sein Engagement gewürdigt. Mit einer unersättlichen Neugier und Begeisterung für Neues hat er den Diskurs zur gesellschaftlichen Relevanz der Kultur mitgestaltet und damit den Kulturbegriff maßgeblich mitgeprägt. Hermann Glaser wird uns mit seinem Esprit und seiner Begeisterung für humanitären Fortschritt fehlen. Wir werden ihn nicht vergessen.“

Nürnbergs SPD-Fraktionsvorsitzende Anja Prölß-Kammerer würdigt die Verdienste des Ausnahmepolitikers: „Niemand hat das kulturelle Leben in Nürnberg aktiver gestaltet als Hermann Glaser. Er machte Kultur für die kleinen Leute salonfähig, er ist der „Vater“ der Nürnberger Kulturläden – die Kulturläden, das KunstKulturQuartier oder der Z-Bau wären ohne sein Wirken nicht vorstellbar. Meilensteine in der Nürnberger Kulturpolitik, wie das Dürerjahr 1971 wurden von ihm initiiert und wirken heute noch nach. Unsere Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt baut auf seinen Verdiensten auf.“

Der SPD-Parteivorsitzende Thorsten Brehm äußert sich tief betroffen: „Mit Hermann Glaser verlieren wir einen leidenschaftlichen und auch streitbaren Kulturpolitiker sowie einen großen Sozialdemokraten. Erst vor wenigen Tagen konnten wir uns bei einer SPD-Veranstaltung zur 68-Bewegung von seinem hellwachen Geist, seinem unvergleichlichen Wissensschatz und seinem ungebrochenen Humor überzeugen. Der Verlust schmerzt und unser Mitgefühl gilt seiner Familie. Die Sozialdemokratische Familie wird ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.“

Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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