Rentenreform unter Druck
Börsenchef mahnt zu stärkerer Vorsorge über den Kapitalmarkt
- Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner plädiert für einen Ausbau der privaten und betrieblichen Altersvorsorge.
- Foto: Helmut Fricke/dpa
- hochgeladen von Arthur Kreklau
Von Alexander Sturm und Jörn Bender, dpa, sowie Bernd Zeberl, dpa-AFX
Frankfurt/Eschborn – Die Diskussion über die Zukunft der Altersvorsorge gewinnt an Schärfe. Während die Bundesregierung an einer Neuordnung der drei Säulen arbeitet, drängt Deutsche‑Börse‑Chef Stephan Leithner auf deutlich mehr Tempo – und auf eine stärkere Rolle des Kapitalmarkts.
Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur am Unternehmenssitz in Eschborn kritisierte Leithner die wachsenden Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Es sei nicht länger hinnehmbar, dass jedes Jahr höhere Milliardenbeträge nötig seien, um die Rentenkasse zu stabilisieren. Die gesetzliche Rente bleibe zwar unverzichtbar, doch betriebliche und private Vorsorge müssten „eine deutlich stärkere Rolle“ übernehmen.
Die Bundesregierung habe mit der geplanten Frühstart‑Rente und dem Altersvorsorgedepot bereits Schritte eingeleitet, die vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen seien, sagte Leithner. Nun müsse die Rentenkommission nachlegen. Der Handlungsdruck sei enorm – national wie europäisch.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte angekündigt, die Gewichte zwischen gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge noch in diesem Jahr neu zu justieren. Bis zur Jahresmitte soll die Kommission Vorschläge vorlegen.
Leithner hält das derzeitige Rentenniveau von 48 Prozent für unzureichend. Angesichts der Lebenshaltungskosten sei diese Marke „unsozial“. Ein Gesamtniveau von bis zu 65 Prozent sei realistischer – allerdings nicht allein über die gesetzliche Rentenversicherung zu finanzieren. Die Bundesregierung hatte die Haltelinie von 48 Prozent bis 2031 festgeschrieben. Schon 2026 sollen mehr als 120 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die Rentenversicherung fließen.
Besonders beim Einstieg junger Menschen in die Vorsorge sieht Leithner Nachbesserungsbedarf. Die Frühstart‑Rente, die ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro vorsieht, sollte seiner Ansicht nach mit einem Einmalbetrag von 4.000 Euro zur Geburt beginnen, um den Zinseszinseffekt zu nutzen. Zudem plädiert er für steuerfreie Sonderzahlungen in Kinderdepots – nach US‑Vorbild, wo Großeltern bis zu 5.000 Euro beisteuern können.
Auch die betriebliche Altersvorsorge müsse deutlich ausgeweitet werden. Derzeit seien etwa die Hälfte der Beschäftigten erfasst, nötig seien aber Quoten von 90 Prozent und mehr, wie in den Niederlanden oder der Schweiz. Es gehe nicht darum, Gutverdiener zu fördern, betonte Leithner, sondern Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen beim Vermögensaufbau zu unterstützen.
Dass sich die Einstellung vieler Bürger bereits verändert, sieht er an der wachsenden Zahl von ETF‑Anlegern. In Europa sei sie seit 2022 von 19 auf 33 Millionen gestiegen, davon mehr als 14 Millionen in Deutschland. Besonders junge Menschen hätten erkannt, dass staatliche Vorsorge allein nicht ausreiche.
Leithner wundert sich dennoch, wie wenig die Bevölkerung von der Wertentwicklung an den Börsen profitiert. Der Dax habe 2024 und 2025 weltweit zu den stärksten Indizes gehört. „Warum nehmen die Bürger an dieser Wertsteigerung nicht teil?“ Die beste Finanzbildung sei der Blick in den Depotauszug: zu sehen, wie aus kleinen Beträgen über die Jahre spürbare Summen werden. Im Durchschnitt liege die jährliche Rendite des Dax bei sieben bis neun Prozent. Selbst wer zum ungünstigsten Zeitpunkt eingestiegen sei, habe nach 15 Jahren im Schnitt immer noch mehr als drei Prozent Rendite erzielt.
Leithners Botschaft ist klar: Ohne eine breitere Beteiligung am Kapitalmarkt wird die Rentenreform kaum gelingen – und die Zeit drängt.
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.