Norwegen: Trauer um König Harald
Rarität in Europas-Königshäusern: Portrait eines vorbildlichen Monarchen
- König Harald V. war ein zurückhaltender Monarch.
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UPDATE
Oslo (dpa) - Harald V. zählte nicht zu den schillernden Persönlichkeiten der europäischen Königshäuser. Er galt als bescheidener Monarch, der nur einen guten Job machen wollte. Und dabei nie seinen Humor verlor. Anbei ein Portrait eines Ehrenmannes und Vorbilds.
Von Steffen Trumpf, Miriam Arndts und Julia Wäschenbach, dpa
Oslo (dpa) - Norwegens König Harald V. war keiner, der gern große Reden schwang. Sondern ein eher schüchterner Mensch, der es nicht mochte, wenn viel Getöse um ihn gemacht wurde. Zum Volk zu sprechen, sah er nie als seine Stärke an. Trotzdem gelang es ihm immer wieder, in den entscheidenden Momenten die richtigen Worte zu finden. Ungeachtet mehrerer Skandale rund um die Königsfamilie - vor allem um das Kronprinzenpaar - war Haralds Beliebtheit bei seinen Landsleuten ungebrochen. Zuletzt kämpfte er immer wieder mit Krankheiten. Am Freitagmorgen ist der Monarch im Alter von 89 Jahren in Oslo gestorben.
«Norweger sind Mädchen, die Mädchen lieben, und Jungen, die Jungen lieben. Norweger glauben an Gott, Allah, an alles und nichts.» Als König Harald diese Worte anlässlich seines 25. Thronjubiläums 2016 an sein Volk richtete, ahnte er nicht, was er damit auslöste. Ein Echo der Begeisterung schallte ihm entgegen. Zeitungen in der ganzen Welt druckten seine ungewöhnliche Rede.
Der König war von den Reaktionen völlig überrascht. «Ich wollte doch nur beschreiben, wie wir sind», sagte er einige Jahre später dem «Aftenposten»-Journalisten Harald Stanghelle, der seine elf langen Gespräche mit dem König in dem Buch «Kongen forteller» («Der König erzählt») veröffentlichte.
Harald war ein König, der mit der Zeit ging und sich seit seiner Thronübernahme 1991 stets weiterentwickelte. Auch wenn das nicht heißen muss, dass er ein moderner König war: So weigerte er sich lange, sich ein Handy anzuschaffen. Erst 2020, als das Coronavirus die Welt zum Stillstand zwang, sagte er Ja zu seinem ersten Mobiltelefon - mit 83 Jahren.
«Großvater» Roosevelt
Harald war ein Mensch, der stets versuchte, alle einzubinden. Das liegt vielleicht an seiner eigenen Geschichte. Denn in den ersten Jahren seiner Kindheit war er selbst ein Flüchtling. Prinz Harald war drei Jahre alt, als die Nazis im April 1940 in Norwegen einmarschierten. Überhastet flüchtete seine Mutter, Kronprinzessin Märtha, mit den beiden Töchtern und dem Sohn Harald nach Schweden und später in die USA.
Der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt engagierte sich persönlich für die Familie und lud sie oft ins Weiße Haus ein. «Für mich war Roosevelt eine Art Großvater», erzählte Harald später. In den USA bekam er sein erstes Dreirad. «Hier lernte er schwimmen, hier lief er mit den Wachen um die Wette», schreibt Journalist Stanghelle.
Als er nach dem Krieg zurückkehrte, war Harald acht Jahre alt. Norwegen war ihm fremd geworden. Doch es dauerte nicht lange, bis der Thronerbe sich wieder heimisch fühlte. Harald war naturverbunden und sportbegeistert. Seine besondere Leidenschaft war das Segeln, das er sogar auf olympischem Niveau betrieb.
Sie oder keine - Haralds Liebe zu Sonja
Mit 22 Jahren löste der junge Kronprinz einen Skandal aus, der ein knappes Jahrzehnt andauern sollte: Er verliebte sich in die Kaufmannstochter Sonja Haraldsen, eine Bürgerliche. Sein Vater, König Olav, war strikt gegen die Beziehung. Das Verhältnis musste geheim gehalten werden, auch wenn die Presse hemmungslos spekulierte. «Ich tat ja etwas Gesetzeswidriges, in Anführungsstrichen», sagte Harald rückblickend. «Deshalb haben mein Vater und ich nie darüber gesprochen. Sehr merkwürdig.»
Neun Jahre ging das so. Erst als Harald seinem Vater drohte - entweder heirate er Sonja oder er bleibe ledig - gab der konservative Olav schließlich nach. Am 19. März 1968 wurde die Verlobung bekanntgegeben, nachdem die politischen Instanzen ihre Zustimmung gegeben hatten. Im August heiratete das Paar.
- Die norwegische Königsfamilie 2024 bei einem Weihnachts-Fotoshooting. Hinten links steht der nun neue König Haakon, hinten rechts die neue Kronprinzessin Ingrid Alexandra.
- Foto: Stian Lysberg Solum/NTB/dpa (Archivbild)
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Sicher auch aufgrund dieser Erfahrung war das Königspaar später gegenüber der Partnerwahl der eigenen Kinder tolerant - etwa, als Kronprinz Haakon die «Party-Prinzessin» Mette-Marit heiraten wollte und Prinzessin Märtha Louise sich in den selbst ernannten Schamanen Durek Verrett verliebte.
Als König Olav am 17. Januar 1991 starb, wurde Harald vier Tage später im Nidarosdom in Trondheim als dessen Nachfolger gekrönt. Seine Aufgaben in den Folgejahren waren überwiegend repräsentativ, auch wenn in Norwegen kein Gesetz ohne die Unterschrift des Königs in Kraft tritt. Einmal pro Woche muss die Regierung im Schloss Bericht erstatten.
Darüber hinaus reiste das Königspaar stetig durchs Land und hielt so engen Kontakt zum Volk. Harald war ein Monarch zum Anfassen, was einer der Gründe für seine große Beliebtheit war. Außerdem hatte er immer einen lockeren Spruch auf Lager - diesem Humor blieb er zeit seines Lebens treu.
«Das Königshaus ist ein Team»
Der Zusammenhalt in der Familie war dem König immer wichtig. Nachdem Vorwürfe gegen den ältesten Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit aus einer früheren Beziehung, Marius Borg Høiby, bekanntgeworden waren, sagte Harald bei einem Bankett auf dem Osloer Schloss: «Das Königshaus ist ein Team, das gut zusammenarbeitet. Außerdem sind wir eine Familie - mit den Freuden und Herausforderungen, die, wie wir alle wissen, dazugehören können.»
Herausforderungen hatte König Harald in Bezug auf seine Familie zuletzt viele zu meistern - etwa in Bezug auf die enge Freundschaft, die Kronprinzessin Mette-Marit zu dem Sexualverbrecher Jeffrey Epstein gepflegt haben soll, oder die Verurteilung von Marius Borg Høiby zu vier Jahren Haft, unter anderem wegen zwei Vergewaltigungen nach norwegischem Recht.
«Freiheit ist stärker als Furcht» - die Breivik-Anschläge
Einen schweren Tag als König erlebte Harald am 22. Juli 2011, als der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik erst im Regierungsviertel in Oslo eine Bombe zündete und anschließend ein Massaker auf der Insel Utøya anrichtete. 77 Menschen wurden bei diesen Taten getötet, darunter sehr viele Jugendliche.
Am nächsten Tag reiste das Königspaar nach Sundvollen, wo die Angehörigen in einem Hotel versammelt waren. «Ich habe mich noch nie so machtlos gefühlt wie in Sundvollen», erzählte König Harald später. «Ein Paar zu treffen, das gerade die Nachricht bekam, dass seine Tochter tot war, das war so grausam.» Noch nie habe er so viele Menschen umarmt, die er nicht gekannt habe.
Bei einer Gedenkveranstaltung einen Monat später hielt der König die für ihn schwierigste Rede seines Lebens. «Ich halte an dem Glauben fest, dass Freiheit stärker ist als Furcht», sagte er unter Tränen. «Ich halte fest an dem Glauben an eine offene norwegische Demokratie und Gesellschaft.» Diese Rede trug höchstwahrscheinlich mit dazu bei, dass das norwegische Volk nicht mit Hass und Gewalt auf die Terroranschläge reagierte, sondern mit Liebe.
Abdanken war keine Option
In den letzten Jahren sah man König Harald das Älterwerden immer mehr an. Zuletzt war er wegen der Bluterkrankung hämolytische Anämie - einer Form der Blutarmut - im Krankenhaus behandelt worden. Anschließend zog er sich zusätzlich eine bakterielle Infektion des Blutkreislaufs zu.
Doch auch wenn er in den letzten Jahren häufig wegen Erkrankungen ins Krankenhaus musste, sich schon früher erst einer Herz- und dann einer Beinoperation unterziehen musste und am Stock ging: Vom Abdanken wollte Harald nichts wissen, auch nicht dann, als Königin Margrethe in Dänemark diesen für skandinavische Verhältnisse ungewöhnlichen Schritt ging.
- König Harald hatte einen feinen Humor. Hier lacht er 2023 zusammen mit der damaligen dänischen Königin Margrethe II. in Kopenhagen.
- Foto: Steffen Trumpf/dpa (Archivbild)
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«Wenn man vor dem Parlament einen Eid abgelegt hat, dann währt der ein Leben lang», war Haralds Meinung. «Wir halten durch bis zum bitteren Ende. Da ist was dran am Satz: Der König ist tot, es lebe der König.» Dies wird nun sein Sohn Haakon sein.
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Oslo (dpa/vs) - Norwegen hat sein beliebtes Staatsoberhaupt verloren: Nach Jahren mit Krankheiten ist König Harald V. gestorben – und hinterlässt eine Monarchie in unsicheren Zeiten. Wie auch in anderen europäischen Königshäusern macht die Nachfolgegeneration vor allem durch Sex-Affären und Skandale von sich reden.
Er war der älteste regierende Monarch Europas - und hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mit Krankheiten zu kämpfen. Jetzt ist der norwegische König Harald V. im Alter von 89 Jahren im Reichskrankenhaus von Oslo gestorben. Er sei am Freitag um 6.35 Uhr friedlich eingeschlafen, teilte das norwegische Königshaus mit. Nach seinem Tod erbt sein Sohn Haakon den Thron.
Bereits seit Anfang vergangener Woche hatte Harald im Krankenhaus gelegen. Wegen der Bluterkrankung hämolytische Anämie - einer Form der Blutarmut - war er mit Kortison behandelt worden, was zu einer Flüssigkeitsansammlung im Körper geführt hatte. Anschließend zog er sich zusätzlich eine bakterielle Infektion des Blutkreislaufs zu.
Gesundheitlich war der norwegische König schon lange angeschlagen. Seit 2024 war er etwa dauerhaft auf einen Herzschrittmacher angewiesen. Außerdem hatte er häufig mit Atemwegs-Erkrankungen zu tun. Im Februar war der Monarch während eines Urlaubs auf Teneriffa mit seiner Frau, Königin Sonja, wegen einer Infektion ins Krankenhaus gekommen.
Auch das Gehen fiel ihm seit längerer Zeit schwer. Den Thron vorzeitig seinem Sohn Haakon zu überlassen, war für Harald trotzdem nicht infrage gekommen. Seine royalen Pflichten absolvierte er bis zuletzt.
Beliebt bei den Norwegern
Seine Landsleute schätzten König Harald V. für seine zurückhaltende Art - und dafür, dass er klare Kante zeigen konnte, wenn es darauf ankam. Seine Reden waren oft geprägt von Mitmenschlichkeit und Taktgefühl. So tröstete er die Norweger nach den Terroranschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya 2011. Nach der Flüchtlingskrise positionierte er sich mit einem Plädoyer für Vielfalt und Toleranz als besonnener Mahner. Beliebt war der Monarch auch wegen seines trockenen Humors. Er galt als begeisterter Segler und Wintersportler.
Den Thron hatte Harald 1991 nach dem Tod seines Vaters Olav V. bestiegen. Seine große Liebe Sonja heiratete er schon 1968 - obwohl sein Vater lange mit der Beziehung seines Sohnes zu einer Bürgerlichen gehadert hatte. Bei seinen eigenen Kindern war Harald toleranter: Auch sein Sohn Kronprinz Haakon heiratete mit Mette-Marit eine ganz normale Norwegerin. Seine Tochter Märtha Louise ist inzwischen in zweiter Ehe mit dem selbst ernannten Schamanen Durek Verrett verheiratet.
Unsichere Zukunft für die norwegische Monarchie
Ohne Harald V. ist unsicher, wohin die norwegische Monarchie steuert. Denn während der König in seinem Land enormen Rückhalt genoss, haben Skandale das Vertrauen in die Kronprinzenfamilie zuletzt stark erschüttert. Kronprinzessin Mette-Marit war wegen ihrer engen Freundschaft zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in die Kritik geraten. Nach dem Tod des Königs wird die 53-Jährige laut Aussagen von Verfassungsrechtlern nicht automatisch Königin - die Entscheidung über ihre Rolle obliegt dem neuen König Haakon.
Mette-Marits ältester Sohn Marius Borg Høiby aus einer früheren Beziehung wurde im Juni unter anderem wegen zwei Vergewaltigungen nach norwegischem Recht zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Viele Norweger sind seitdem unsicher, ob Mette-Marit wirklich das Zeug zu einer Königin hat.
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