Coronawelle: vierte Impfung jetzt sinnvoll?
Experten spechen klare Empfehlungen aus

Die Omikron-Sublinie BA.5 sorgt in Deutschland aktuell für steigende Corona-Fallzahlen.
  • Die Omikron-Sublinie BA.5 sorgt in Deutschland aktuell für steigende Corona-Fallzahlen.
  • Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa
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BERLIN (dpa/vs) - Wenn es um die Zahl der Corona-Neuonfektionen ging, konnte das Robert-Koch-Insitut (RKI) in den letzten beiden Jahren pünktlich zum Sommer immer von stark sinkenden Zahlen berichten. 2022 ist dies nicht der Fall. Damit stellt sich für viele Menshenin Deutschland die Frage: Soll ich mich jetzt erneut impfen lassen? - Experten geben klare Empfehlungen!

Von Gisela Gross, dpa

Vor allem die Omikron-Sublinie BA.5 beschert Deutschland steigende Corona-Fallzahlen. Sollte man sich besser erneut impfen lassen, um den Sommer unbeschwerter genießen zu können? Obwohl in einigen Monaten neue, an Omikron angepasste Impfstoffe erwartet werden? Das fragen sich so einige Menschen, deren jüngster Piks gegen Sars-CoV-2 nun schon länger zurückliegt.

So viele Menschen sind vierfach geimpft

Bisher empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) einen zweiten Booster nur einigen Gruppen, darunter Menschen mit unterdrücktem Immunsystem, Pflegeheimbewohner, Menschen ab 70 Jahren und Personal medizinischer Einrichtungen. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung haben nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI; Stand 21.6.) 6,5 Prozent eine zweite Auffrischimpfung erhalten, bei den Menschen ab 60 Jahren ist es knapp jeder Fünfte.

Janosch Dahmen, Grünen-Gesundheitspolitiker, hat vergangene Woche eine erneute Prüfung und gegebenenfalls rechtzeitige Ausweitung der Stiko-Empfehlung wieder ins Gespräch gebracht: So könnten laut Dahmen etwa auch Menschen, die jünger als 70 Jahre sind und gerade diejenigen mit Risikofaktoren, vor dem Herbst ein weiteres Impfangebot sowohl gegen Corona als auch gegen Influenza bekommen.

Stiko-Chef: Empfehlung muss medizinisch begründet sein

Was sagt die Stiko dazu? Hinter einer allgemeinen Empfehlung zu einer weiteren Auffrischimpfung müsse - wie bei jeder medizinischen Maßnahme - eine begründete medizinische Indikation stehen, teilte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens auf dpa-Anfrage mit. Die Annahme «Viel hilft viel» könne hierbei nicht der Leitsatz sein. «Der Handlungswille von Politikern ist ein wesentliches Element der politischen Gestaltung, allerdings müssen die resultierenden Handlungen vor ihrer Umsetzung soweit irgend möglich geprüft sein.»

Es müssten Daten und Erkenntnisse zu einer Reihe von Punkten vorliegen, führte Mertens aus. Es gehe darum, was die bereits verfügbaren und die in Entwicklung befindlichen angepassten Covid-19-Impfstoffe in der aktuellen Situation leisten können: Wie gut schützen sie vor Infektion und Erkrankung durch alle bisher bekannten Virusvarianten? Und welche weiteren Entwicklungen bei Varianten lassen sich überhaupt erkennen?

Vor allem zu diesen beiden Punkten lägen derzeit keine ausreichenden, belastbaren Daten vor, erklärte der Virologe. «Das Vorliegen der Daten ist eine Voraussetzung für eine begründete neue Impfempfehlung für alle und muss auch beim «Handlungswillen» der Politik unbedingt Berücksichtigung finden.» Außerdem müsse noch beachtet werden, ob es neue Aspekte bei der Sicherheit der Impfstoffe gibt und wie sich die Immunität von Geimpften und/oder Genesenen entwickelt.

Immunologe: Aktuell kein Bedarf für vierte Impfung

Weitere Experten stärken der Stiko auf dpa-Anfrage den Rücken. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, teilte mit, er sehe aktuell noch keinen Bedarf für eine generelle Empfehlung zu einer vierten Impfung. Für immungesunde Menschen gelte, dass der Schutz vor schwerer Erkrankung auch mehr als sechs Monate nach der dritten Impfung immer noch sehr hoch sei.

Wer wolle, könne sich - auch ohne unter die Stiko-Empfehlung zu fallen - ein viertes Mal impfen lassen, um den Immunschutz wieder in etwa auf ein Niveau wie kurz nach der dritten Impfung zu bringen. Dies schade nicht und man verbaue sich nichts in Bezug auf eine eventuell fünfte Impfung mit einem an Omikron angepassten Impfstoff. «Bei einer generellen Empfehlung befürchte ich jedoch, dass bei vielen der Eindruck entsteht, dass ich mich alle sechs Monate impfen muss, um geschützt zu sein. Und das stimmt ja nicht und könnte zu einer Impfmüdigkeit führen», sagte Watzl.

«Ich denke, dass die Empfehlungen der Stiko sehr ausgewogen und sachgerecht sind», erklärte auch der Immunologe Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums in Berlin. Eine vierte Impfung jetzt für alle sehe er aus mehreren Gesichtspunkten kritisch. Einer davon: Die vierte Impfung mit den bisher verfügbaren Impfstoffen schütze «nur sehr unvollkommen vor Infektion und Infektiosität». Radbruch bezieht sich dabei auf israelische Daten, die sich auf den Schutz vor Omikron beziehen. Er nimmt an, dass der Schutz auch eher kurz anhält.

Auch Radbruch betont: Schon die zweite und dritte Impfung schützten sehr gut vor schwerer Krankheit und Tod. Eine vierte Impfung mit den bisherigen Impfstoffen setze wahrscheinlich nur wenig darauf, könne aber eventuell sogar hinderlich sein, später auf neue Impfstoffe und Virusvarianten optimal zu reagieren.

Nutzen der vierten Dosis möglicherweise gering

In einer britschen Studie im Fachblatt «The Lancet» erwähnen die Autoren einen möglichen Deckeneffekt: Der Nutzen einer vierten Dosis könne bei Menschen, die schon starke Immunantworten durch kürzlich erfolgte Infektion oder Impfung aufweisen, möglicherweise geringer ausfallen. Der Effekt könne etwa von der Art und Dosis des Impfstoffs abhängen, es seien dazu aber noch weitere Analysen nötig.

Wie auch andere Experten zuletzt mehrfach betont hatten, bedeuten die abfallenden Antikörperspiegel im Blut in der Zeit nach der Impfung nicht, dass man Sars-CoV-2 ohne jegliche Abwehr ausgeliefert ist. «Es ist absolut normal, gesund und wünschenswert, wenn der Antikörperspiegel im Verlauf einer Immunreaktion abfällt, denn so werden die Plasmazellen selektiert, die die besten Antikörper machen», erklärte Radbruch. Diese Plasmazellen würden dann «ins Knochenmark rekrutiert, wo sie uns über Jahre und Jahrzehnte mit den schützenden Antikörpern versorgen».

Autor:

Victor Schlampp aus Schwabach

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