Bei der aktuellen Rekordhitze lechzt der Wald nach Wasser
Jetzt sterben auch die Buchen!

Ein alarmierendes Warnsignal: Diese stattliche Rotbuche in der südlichen Oberpfalz hat schon den Großteil ihrer Blätter verloren. Das wird vermutlich ihr Todesurteil sein.
  • Ein alarmierendes Warnsignal: Diese stattliche Rotbuche in der südlichen Oberpfalz hat schon den Großteil ihrer Blätter verloren. Das wird vermutlich ihr Todesurteil sein.
  • Foto: © Dr. Christian Stierstorfer
  • hochgeladen von Victor Schlampp

REGION (pm/vs) - Die Folgen der viel zu trockenen Jahre 2018 und 2019 auf den Waldbestand in Bayern und Franken nehmen nach Auskunft der Landesbundesbundes für Vogelschutz (LBV) immer dramatischere Ausmaße an. Jetzt sind in zunehmenden Maße auch Laubbäume. Selbst die heimische und eigentlich recht robuste Buche hält die Trockenheit nicht mehr aus.
Wer etwa mit der S-Bahn von Roth nach Nürnberg jeden Tag zur Arbeit fährt, kann den Todeskampf der Bäume miterleben. Bei immer mehr Laubbäumen verfärben sich die Blätter bräunlich, einige sind schon mehr oder weniger kahl.
 Bei der  Geschwindigkeit, in welcher diese Symptome voranschreiten, könne bereits von einem „Waldsterben 2.0“ gesprochen werden, so der LBV. Nach dem extrem trockenen Jahr 2018 verzeichne auch dieser Sommer erneut Temperaturrekorde und viel zu wenig Niederschläge. „Das Ausmaß des derzeitigen Waldsterbens ist wirklich dramatisch. Wie unser Wald in Zukunft aussehen wird, ist kaum vorauszusehen. Wir bewegen uns zunehmend auf Neuland und Patentrezepte im Umgang mit dem neuen Waldsterben gibt es nicht“, so der LBV-Vorsitzende Dr. Norbert Schäffer.

Wir brauchen geschützte Naturwälder

„Naturwäldern kommt in diesem Lern- und Entwicklungsprozess eine zentrale Rolle zu. Denn dort können ungestört Anpassungsprozesse ablaufen, die entscheidende Antworten auf die wichtigsten Fragen zum neuen Waldsterben liefern“, erklärt der Naturschützer weiter. Der LBV fordert deshalb mehr Großschutzgebiete für Laubwälder wie zum Beispiel im Steigerwald und Spessart einzurichten.
Um zukünftige Lösungen gegen das aktuelle Waldsterben zu finden, komme Großschutzgebieten eine enorm wichtige Rolle zu. „In ihnen spielt sich das gesamte Spektrum der zeitlich-räumlichen Entwicklungsdynamik eines Waldes ab. Dort können wir lernen und beobachten, wie die Natur mit dem Klimawandel umgeht und daraus die richtigen Schlüsse ziehen“, sagt der LBV-Vorsitzende. Voraussetzung dafür sei ein funktionierendes Netzwerk von Waldschutzgebieten, in denen sich die Natur nach ihren eigenen Gesetzen ohne forstliche Eingriffe entwickeln darf. „Wir müssen in großen Waldschutzgebieten die natürlichen Anpassungsprozesse an den Klimawandel zulassen. Daraus können wir essenzielle Informationen gewinnen, nicht zuletzt für die Waldwirtschaft der Zukunft,“ beschreibt Schäffer die zentrale Idee des LBV zur Rettung des Waldes.
Ein solches Netzwerk von Waldschutzgebieten müsse alle Waldtypen auf ihren spezifischen Standorten in den jeweiligen Naturräumen repräsentieren. Damit das Netzwerk funktionieren könne, dürften die Schutzgebiete nicht voneinander isoliert sein. Nur dann seien auch die räumliche Verlagerung der jeweiligen Waldtypen als Anpassung an den Klimawandel möglich, zum Beispiel die Verschiebung in andere Höhenzonen oder Regionen mit geeigneten Klimabedingungen.
Als Reaktion auf das durch den Klimawandel bedingte Waldsterben fordert der LBV weitere Großschutzgebieten für Laubwälder des Flachlandes einzurichten, beispielsweise im Steigerwald und Spessart. Für die Auwälder hat der Bayerische Ministerpräsident erfreulicherweise bereits ein großdimensioniertes Schutzgebiet an der Donau angekündigt. Zwischen diesen großen Schutzgebieten müssen zusätzlich kleinere Waldschutzgebiete und Naturwaldreservate in ausreichender Dichte als Vernetzungsstruktur funktionieren.

Mehr auf Naturverjüngung setzen

Der LBV fordert beim Anbau nicht einheimischer Baumarten wie Douglasie, Roteiche oder Robinie zurückhaltend zu agieren. „Diese Arten haben bei uns nur eine geringe ökologische Einbindung, was zu Problemen für unsere natürlichen Waldökosysteme und deren Artenvielfalt führen könnte“, sagt der LBV-Waldreferent Dr. Christian Stierstorfer.
In bewirtschafteten Wäldern sollte deshalb neben der vermehrten Pflanzung von Bäumen im Zuge des Waldumbaus, wie jüngst von Ministerpräsident Markus Söder angekündigt, vor allem auf die Naturverjüngung gesetzt werden. „In den immer häufigeren Extremsommern haben gepflanzte Bäumchen in den ersten Jahren schlechte Karten. Selbständig gekeimte, einheimische Baumarten hingegen haben gute Chancen durchzukommen, da sie von Anfang an ein ausreichendes und tiefreichendes Wurzelwerk entwickeln können“, erklärt Christian Stierstorfer. Auch wenn dadurch mitunter forstlich weniger erwünschte Baumarten wachsen, sollte der Erhalt des Waldes und seiner Funktionen im Vordergrund stehen. „Angesichts der dramatischen Situation müssen wir die Potentiale, die uns die Natur glücklicherweise bietet, voll ausschöpfen“, sagt der LBV-Biologe.

Hintergrund zum Waldsterben 2.0

Bäume können einzelne Extremjahre durchaus überstehen. Häufen sich diese oder folgen sie aufeinander kommen sogar große, vitale Bäume in Schwierigkeiten. Geschwächt durch Hitze und Trockenheit sind sie zusätzlich anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Dies zeigt sich derzeit in dramatischer Weise: Neben den Fichten, die bereits seit Jahren von Borkenkäfern massiv dezimiert werden, trifft es nun auch viele weitere Arten. Die Waldkiefer, die eigentlich als durchaus trockenheitstolerant galt, wird zunehmend dahingerafft. Sehr besorgniserregend ist das zunehmende Absterben von Buchen, darunter auch mächtige Altbäume. Während die meisten Fichten- und Kiefernforste vom Menschen angelegt oder gefördert sind, ist mit der Buche die wichtigste Baumart der natürlichen Waldvegetation Zentraleuropas betroffen.

Autor:

Victor Schlampp aus Schwabach

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