Streit um Arbeitszeitmodelle
CDU-Vorstoß zur Teilzeit entfacht breite politische Debatte
- Noch nie haben so viele Menschen in Deutschland in Teilzeit gearbeitet wie heute. (Symbolbild)
- Foto: Angelika Warmuth/dpa
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BERLIN (dpa/ak) – Der Vorschlag kam aus dem Wirtschaftsflügel der CDU – und löste innerhalb weniger Stunden eine bundesweite Diskussion aus. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) fordert, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit deutlich einzuschränken. Künftig solle er nur noch gelten, wenn besondere Gründe vorliegen, etwa die Betreuung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder eine berufsbegleitende Weiterbildung. Für alle anderen Fälle, so die Argumentation, sei Teilzeit eher Ausdruck eines Lebensstils als einer Notwendigkeit.
Der Antrag, der dem CDU-Bundesparteitag im Februar vorgelegt werden soll, trägt den Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“. Zunächst hatte der „Stern“ darüber berichtet. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten – und sie kamen nicht nur aus der Opposition. Auch innerhalb der Union regt sich deutlicher Widerspruch.
Derzeit erlaubt das Gesetz Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, ihre Arbeitszeit unter bestimmten Voraussetzungen zu reduzieren. Bei befristeter Teilzeit kehren sie anschließend automatisch zur vorherigen Stundenzahl zurück. Arbeitgeber dürfen einen Antrag nur aus gewichtigen betrieblichen Gründen ablehnen. Die MIT will diese Regeln verschärfen und zugleich Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kinderzuschlag oder Wohngeld für Teilzeitkräfte an besondere Gründe knüpfen. Die Solidargemeinschaft dürfe nicht die „Work-Life-Balance von Aufstockern“ finanzieren, heißt es in dem Antrag.
Begründet wird der Vorstoß mit dem anhaltenden Fachkräftemangel. Die Teilzeitquote in Deutschland lag 2025 bei rund 40 Prozent – ein Rekordwert. Dennoch zeigt die Forschung, dass das Arbeitsvolumen insgesamt nicht gesunken ist. Teilzeitbeschäftigte arbeiten heute im Schnitt mehr Stunden als früher, zuletzt gut 18 pro Woche. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, warnt dennoch vor einer Einschränkung des Rechtsanspruchs. Sie würde der Wirtschaft eher schaden und den Fachkräftemangel verschärfen.
Auch politisch stößt der Vorschlag auf Widerstand. SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt lehnt ein „Schleifen hart erkämpfter Arbeitnehmerrechte“ ab und fordert stattdessen Investitionen in Qualifizierung und Forschung. Der Sozialflügel der CDU kritisiert, der Wirtschaftsflügel setze an der falschen Stelle an. Dennis Radtke, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, betont, viele Menschen empfänden Teilzeit als Falle. Um mehr Beschäftigte zurück in Vollzeit zu bringen, brauche es bessere Bedingungen bei Kinderbetreuung und Pflege.
Zudem entzündet sich Kritik am Begriff „Lifestyle-Teilzeit“. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge wirft der CDU vor, ein verzerrtes Bild der Lebensrealität vieler Frauen und älterer Beschäftigter zu zeichnen. Die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner spricht von einer „Attacke auf hart arbeitende Menschen“. Und Anja Piel vom Deutschen Gewerkschaftsbund warnt, der Vorschlag sei gleichstellungspolitisch ein Rückschritt und arbeitsmarktpolitisch verfehlt.
Ob der Antrag der MIT auf dem Parteitag eine Mehrheit findet, ist offen. Sicher ist nur, dass die Debatte über Arbeitszeitmodelle und Fachkräftesicherung damit neuen Schwung bekommen hat.
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