Buch-Neuerscheinung: Fake News hätte es von Wallenstein nicht gegeben!

Rund 1.000 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Altdorf wirken an den Wallenstein-Festspielen mit und lassen Geschichte erlebbar werden. Einer der zentralen Orte des Geschehens ist der Arkadenhof der ehemaligen Universität, der auch als eindrucksvolle Kulisse für Schillers „Wallenstein“ dient. (Foto: Wallenstein-Festspielverein Altdorf e.V.)
 
Prof. Dr. Dirk Niefanger. (Foto: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)

Sammelband gibt ganz andere Einblicke in das Leben des berühmten Feldherren: ,,Wallenstein: Mensch – Mythos – Memoria"

NÜRNBERG (pm/nf) - Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges jährt sich in diesem Jahr zum 400. Mal. Europaweit wird an das verheerende Ereignis erinnert. Unter zahlreichen Neuerscheinungen nimmt der interdisziplinäre Sammelband ,,Wallenstein: Mensch – Mythos – Memoria" eine Sonderstellung ein. Denn er behandelt Themen, die bei rein historischer Betrachtung der Epoche normalerweise nicht im Blickfeld stehen. Herausgeber Prof. Dr. Dirk Niefanger von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gibt im Interview Einblicke in das Buch und Wallensteins Leben. Dabei zieht er teils überraschende Parallelen zwischen dem 17. Jahrhundert und heute.

Was fasziniert Sie an der Person Wallenstein?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Sicher nicht, dass er sympathisch ist. Wallenstein ist schillernd und schwierig zu fassen. Einerseits ist er kalt und kalkulierend. Andererseits hat er diesen Hang zum Übernatürlichen und Esoterischen – für die damalige Zeit nichts Außergewöhnliches – der in der Schlussphase seiner Karriere als Generalissimus irrationale Entscheidungen begünstigt. Wallenstein hatte einen Lebensweg, ohne allzu stromlinienförmig gewesen zu sein. Allerdings schaute er sicherlich immer nach seinem eigenen Vorteil – in finanzieller und persönlicher Hinsicht. Sein Wechsel zum katholischen Glauben und seine Unterstützung kirchlicher Projekte zeugen aber auch von tiefen Überzeugungen in einer wechselhaften Zeit.


Als 16-Jähriger war Wallenstein an der Hohen Schule in Altdorf immatrikuliert. Im Sammelband wird sein Aufenthalt angesichts außeruniversitärer Aktivitäten und Gewaltexzesse als Misserfolg gewertet. Weshalb hat er ein Studium in Franken einer weiterführenden Bildung in Böhmen vorgezogen?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Die Akademie in Altdorf war eine neue, aufstrebende Bildungseinrichtung, die eine moderne Ausrichtung der Lehre versprach. Das ist wie heute: Neue Universitäten gelten bei Studierenden als attraktiv, weil angenommen wird, sie seien auf dem neuesten Stand. Im Fall von Wallenstein spielte sicherlich auch die räumliche Nähe Altdorfs zu Böhmen eine Rolle. Gleichzeitig fehlte seiner Familie offenbar das Geld, um ihn auf eine Eliteuniversität wie beispielsweise Leiden in Holland zu schicken. Später hat er dann wohl noch in Padua und Bologna studiert.


Während seines Aufenthalts wurde Wallenstein aufgrund von Gewalttaten mehrmals aktenkundig. Inwieweit war seine Herkunft ausschlaggebend für die milden Strafen, die er vom Nürnberger Rat erhielt?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Im 17. Jahrhundert war es durchaus üblich, dass Studenten gewalttätig waren. Sowohl untereinander, als auch gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. Wallenstein verfügte als 16-Jähriger noch nicht über die nötige Reife. Er war im Studium überfordert und gleichzeitig wahnsinnig arrogant. Dass er milde Strafen erhielt, war auf seine adelige Abkunft zurückzuführen. Den Nürnbergern war daran gelegen, ihre Akademie ruhig zu halten und zu einer Universität auszubauen. Es war ein Prestigeprojekt. Hätte man in solchen Fällen eine übergroße Härte gezeigt, wären die Studierendenzahlen vielleicht zurückgegangen. Das wollte man vermeiden.


In seinen späten Lebensjahren mied Wallenstein persönliche Kontakte. Wie vereinbart sich diese Form der Zurückgezogenheit mit dem öffentlich kolportierten Bild des machthungrigen, ehrgeizigen Herrschers?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Für den Erhalt der Macht ist es manchmal besser, einen Mythos um sich zu schaffen. Wenn man berühmte Menschen aus der Nähe kennenlernt, ist man ja oft enttäuscht. Wallensteins Zurückhaltung war so gesehen durchaus sinnvoll. Hinzu kam im Alter ein starkes Misstrauen, ein Argwohn und eine Angst seine Macht zu verlieren. Schließlich wurde er ja zwischenzeitlich als Heerführer abgesetzt.


Während des Dreißigjährigen Krieges erlebten ganze Generationen kaum anderes als Anarchie, Gewalt und Elend. Welche Auswirkungen hatten diese Erfahrungen?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Der Dreißigjährige Krieg war nicht der einzige Krieg im 17. Jahrhundert. Aufgrund der vielen, teils regional begrenzten Konflikte wird es auch das Jahrhundert der Kriege oder das eiserne Zeitalter, französisch "siècle de fer", genannt. Dort, wo der Krieg wütete, gab es viele Opfer: Es kam zur Verrohung der Sitten, zu Identitätsverlusten, zu einer Zerstörung der Infrastruktur. Dass in solchen Extremsituationen, sich viele Menschen nicht mehr an Recht und Gesetz hielten und an den christlichen Werten zweifelten, ist verständlich.


Der Dreißigjährige Krieg war auch ein Glaubenskrieg.
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Ja, in der Anfangsphase war der Dreißigjährige Krieg ein Glaubenskrieg. Wobei die Frage, ob man evangelisch oder katholisch war, damals keine persönliche Entscheidung war, sondern vom zuständigen Fürsten oder Herrscher abhing. In der Spätphase des Krieges, als die Menschen erlebten, dass die eigenen Glaubensgenossen genauso verheerend wirkten wie die anderen, spielte der Konfessionalismus eine immer kleinere Rolle.


Wie viel Aktualität sehen Sie in diesem Thema?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Zurzeit werden viele Vergleiche gezogen: so beziehen sich die neuen Romane von Monika Maron, Daniel Kehlmann oder Ralf Rothmann auf den Dreißigjährigen Krieg. Manche Aktualisierung ist mir dabei fremd. Unsere Situation heute werte ich jedenfalls ganz anders und auch der Syrien-Vergleich von Frank-Walter Steinmeier geht nicht ganz auf. Meine Überzeugung ist: Man kann aus der Geschichte lernen, man kann sie aber nicht eins zu eins übertragen. Die Söldner des Dreißigjährigen Krieges waren keine radikal eingestellten Glaubenskämpfer, keine Fanatiker, sondern rücksichtslose Berufssoldaten. Vergleichbar ist allenfalls, dass Religionskonflikte eigentlichen politischen, ökonomischen und sozialen Interessen vorgeschoben werden und dass in Syrien etwa mehr als nur zwei Parteien die Konflikte bestimmen.


Rund um Wallenstein und Gustav Adolf gab es eine funktionierende Propaganda-Maschinerie. Diese trug zur Entstehung von Mythen bei, die das ruch- und rücksichtslose Handeln der beiden Heeresführer in den Hintergrund drängte. Weshalb wurde schon im 17. Jahrhundert eine intensive Form der PR gewählt?
Ganz einfach: Weil man die Mittel dazu hatte, hat man es gemacht. Das Medium Flugblatt, das bereits während der Reformation erfolgreich genutzt worden war, wurde nun erstmals intensiv in die Kriegsführung eingebunden. Inhaltlich wurden sowohl bei Wallenstein als auch bei Gustav Adolf die eigenen Stärken betont. Da nur wenige Prozent der Bevölkerung lesen konnten, wurden die Inhalte weitererzählt. Primäres Ziel war es aber, die Schlüsselfiguren hinter sich zu bringen, nicht, die breite Bevölkerung zu erreichen.


Welcher Kommunikationskanäle würde Wallenstein sich heute bedienen?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Da er ein Taktiker war, würde er sicherlich die Sozialen Medien nutzen, um seine Position zu stärken und um von der Geschwindigkeit der Informationsweitergabe zu profitieren. Wallenstein würde natürlich versuchen, mit Hilfe seiner Botschaften in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Bewusste Verstöße gegen die historische Wahrheit, also ein für Trump typisches Streuen von Fake News wider besseres Wissen, hätte es von Wallenstein vermutlich nicht gegeben. Denn die Geschichte sah er ja von Gott bestimmt an und dagegen konnte er sich nicht auflehnen. Für wichtige beziehungsweise geheime Informationen würde er auf die kryptografierte Form der Kommunikation über Messenger setzen.


Ein Trend der Tourismusbranche geht zu ,,Erinnerungsevents". Beispielsweise erinnert die Stadt Altdorf mit den Wallenstein-Festspielen an den Dreißigjährigen Krieg. Wie beurteilen Sie dies als Wissenschaftler?
Prof. Dr. Dirk Niefanger: Ich bewerte das insgesamt als eine durchaus positive Möglichkeit, um Geschichte erlebbar zu machen. Sie wird nicht mehr nur rational verarbeitet, sondern in Ansätzen körperlich erfahrbar. Die körperliche Präsenz an historischen Orten und der Nachvollzug von Geschichte haben eine ganz andere Wirkung, als über Schrecken und Gräueltaten nur zu lesen. Erinnerungsevents wie die Wallenstein-Festspiele in Altdorf haben zum Teil einen illusorischen Charakter und dürfen nicht zu einem großen Spiel verkommen. Wenn dies gelingt, wird historisches Wissen plastisch über Anwesenheit und Miterleben vermittelt.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.