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Einzigartiges Kunstwerk in Nürnberg
1510: Die Hunnen vor Köln und die schöne Ursula auf dem Weg nach Rom

Abb.: Martyrium der Heiligen Ursula, Augsburg (?), um 1510
Relief aus Lindenholz aus dem Umkreis des Mörlin-Meisters. 
 | Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
  • Abb.: Martyrium der Heiligen Ursula, Augsburg (?), um 1510
    Relief aus Lindenholz aus dem Umkreis des Mörlin-Meisters.
  • Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
  • hochgeladen von Nicole Fuchsbauer
  • Dank der Ernst von Siemens Kunststiftung konnte das sogenannte Ursulaschiff, eine Schnitzarbeit aus der Zeit um 1510, für die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg erworben werden

NÜRNBERG (pm/nf) - Es ist ein äußerst seltenes und in seiner herausragenden künstlerischen Qualität nahezu einzigartiges Werk der Kunstgeschichte: das sogenannte „Ursulaschiff“, das das Martyrium der Heiligen Ursula darstellt.

Das ursprünglich kreisförmige Holzrelief von etwa einem Meter Durchmesser entstand um 1510 vermutlich in Augsburg und zeigt das legendarisch überlieferte Martyrium der Heiligen Ursula und ihres Gefolges durch die Hunnen vor Köln auf der Rückfahrt von einer Pilgerreise.

Dank Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung konnte das Werk jetzt aus Privatbesitz für die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg erworben werden. „Das Relief des Ursulaschiffs zählt zu den wenigen erhaltenen Bildwerken dieses Themas und beeindruckt durch seine außergewöhnliche künstlerische Qualität, die feine Ausarbeitung sowie die komplexe Komposition“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung. „Wir sehen darin ein bedeutendes Zeugnis der Augsburger Skulpturenproduktion um 1500, das nicht nur kunsthistorisch hochrelevant ist, sondern auch museal eine besondere Stellung einnimmt.“

Ursula war eigentlich Engländerin - mit 11.000 Jungfrauen nach Rom!

Der Legenda Aurea zufolge handelte es sich bei Ursula um eine tiefgläubige Königstochter aus Britannien, die im 4. Jahrhundert lebte. Der Vater versprach seine als außergewöhnlich schön geltende Tochter dem Sohn eines heidnischen Königs zur Frau. Sollte die Verbindung nicht zustande kommen, drohte Krieg. Zum Schein stimmte die Tochter unter der Bedingung zu, dass sich der heidnische Königssohn zum Christentum bekenne und sich im Laufe von drei Jahren taufen lasse. In der Zwischenzeit wolle sie in Begleitung von 11.000 Jungfrauen eine Wallfahrt nach Rom unternehmen.

Über den Rhein reisten die Wallfahrer über Köln und Basel und von dort weiter auf dem Landweg bis nach Italien. Auf dem Rückweg – erneut per Schiff auf dem Rhein – wollten sie wieder in Köln Station machen. Doch Hunnen, die inzwischen die Stadt belagerten, verweigerten ihnen den Zutritt und nahmen die Heimkehrenden gefangen. Der Sohn des Hunnenkönigs bot Ursula Begnadigung an, sollte sie ihn heiraten. Als sie ablehnte, weil auch er nicht getauft war, tötete er sie und ihre Begleiterinnen.

Das nun für das Germanische Nationalmuseum erworbene Relief zeigt die Szenen vor der belagerten Stadt Köln: Auf einem Schiff mit hohem Mast befinden sich insgesamt zehn Personen, in deren Zentrum, erkennbar an ihrer Krone, die Königstochter Ursula steht. Sie ist bemüht, eine über Bord gegangene Jungfrau durch einen beherzten Griff am Mantelsaum vor dem Ertrinken im Rhein zu bewahren. Ein burgartiges Gebäude im Hintergrund auf einem Hügel deutet wohl die Stadt Köln an.

Angreifer nicht auf dem Bild

Das Segel des Schiffes ist nur im unteren Teil bildhauerisch ausgearbeitet und läuft nach oben hin aus. Vermutlich vervollständigte es einst Malerei auf der verlorenen Rückwand, auf der womöglich weitere gemalte Häuser das Gebäude im Hintergrund zu einer Stadtansicht erweiterten. Die Hunnenkrieger sind nicht dargestellt. Eventuell existierte einst ein zweites, separates Relief, das die Angreifer zeigte?

Ungewöhnlich ist zum einen das Bildthema, das in der Kunstgeschichte selten bearbeitet wurde – noch dazu als im Kreisformat geschnitztes Relief. In deutschen Museen existieren kaum vergleichbare Bildwerke, lediglich das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart bewahrt zwei etwa zeitgleich entstandene Arbeiten.

Bemerkenswert ist auch die künstlerische Qualität: Das Relief ist in unterschiedliche Ebenen gestaffelt, was der Darstellung eine effektvolle Tiefenräumlichkeit verleiht. Auch feinste Details wie Münder und Finger sind präzise ausgearbeitet. Die aufeinander bezogenen Gesten der Figuren untereinander weisen den Schnitzer außerdem als herausragenden Erzähler aus. Vermutlich schuf er das Ursulaschiff für einen humanistisch gebildeten Auftraggeber, der die Geschichte kannte und zu deuten wusste.

Stilistisch erinnert das Werk an das aus Stein gearbeitete Mörlin-Epitaph im Augsburger Domkreuzgang. Der Schöpfer des neu erworbenen Ursulaschiffs ist daher wohl im Umkreis des unbekannten Mörlin-Meisters zu verorten. „Das Relief ist eines der ganz wenigen erhaltenen Zeugnisse der Augsburger Skulpturenproduktion aus der Zeit um 1500“, hebt Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums, die Bedeutung hervor. In der Dauerausstellung ist es im Kontext von Werken aus benachbarten süddeutschen Regionen zu sehen und schließt die Lücke der Augsburger Skulptur im Bestand.

Abb.: Martyrium der Heiligen Ursula, Augsburg (?), um 1510
Relief aus Lindenholz
aus dem Umkreis des Mörlin-Meisters
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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