Immer mehr Gewalt gegen Zugpersonal
UPDATE: Bundesweites Entsetzen: Bei der Fahrkartenkontrolle tot geprügelt!
- Martin Burkert nahm am Nürnberger Bahnhof an der Schweigeminute für den getöteten Zugbegleiter teil.
- Foto: Daniel Löb/dpa
- hochgeladen von Nicole Fuchsbauer
- Eine Ticketkontrolle endet für den Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz tödlich
- Die Trauer kommt nicht allein
- Forderungen werden laut, denn Gewalt gegen Bahnangestellte gibt es oft
- Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter äußert sich Gewerkschaftschef Martin Burkert bestürzt - und richtet gleich mehrere Forderungen an die Politik.
UPDATE:
Nürnberg/Landstuhl (dpa) - Durch den tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz sieht der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) für Bahnmitarbeiter eine «neue, schlimme Qualität» erreicht.
«Der Kollege hat keinen Fehler gemacht, soweit wir wissen, ist behutsam vorgegangen und ist am Ende seinen schweren Kopfverletzungen erlegen, obwohl es noch Hilfe im Zug gab», sagte EVG-Chef Martin Burkert am Nürnberger Hauptbahnhof. Dort fand wie an mehreren Bahnhöfen bundesweit um 15.00 Uhr eine Schweigeminute statt.
Eine Umfrage der Gewerkschaft unter Bahnmitarbeitern habe ergeben, dass 32 Prozent der Befragten Angst hätten, in die Arbeit zu gehen, sagte Burkert. «Das ist ein unglaublich hoher Wert.»
Mitarbeiter sollen nicht allein in Regionalzügen unterwegs sein
Um die Sicherheit von Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern zu verbessern, fordere die Gewerkschaft seit langem vor allem eine Doppelbesetzung in Regionalzügen - damit nicht ein Mitarbeiter allein im Zug unterwegs sein muss.
«Dafür sind die Länder verantwortlich», sagte Burkert. «Die müssen einfach eine Doppelbesetzung bezahlen.» Helfen würde aus seiner Sicht auch, Bahnmitarbeiter durchgehend mit Bodycams auszustatten und das Angebot von Notfallknöpfen auszuweiten.
++
Landstuhl/Berlin (dpa) - Er hat nur seinen Job gemacht und ist dabei tödlich verletzt worden. Bei einer Ticketkontrolle im Regionalzug griff ein Fahrgast den Zugbegleiter an - und versetzte ihm so schwere Faustschläge gegen den Kopf, dass er lebensgefährlich verletzt wurde.
Der Regionalexpress hatte kurz zuvor den Bahnhof Landstuhl im Kreis Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz verlassen. Keine zwei Tage nach der Tat starb der 36-Jährige, der in Ludwigshafen zu Hause war, im Krankenhaus in Homburg.
Was war der Hintergrund der Attacke? Nach Angaben der Polizei hatte der spätere Angreifer keinen Fahrschein dabei. Als der Bahnmitarbeiter Serkan C. ihm sagte, er solle den Zug verlassen, prügelte er los. Bei dem mutmaßlichen Täter handele es sich um einen 26 Jahre alten Griechen ohne Wohnsitz in Deutschland - gegen ihn sei Haftbefehl ergangen.
Der Tatverdächtige schweige bisher zu den Vorwürfen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Zweibrücken. Eine für heute angeordnete Obduktion soll die genaue Todesursache klären. Eine Waffe sei bei der Tat wohl nicht zum Einsatz gekommen.
Rohe und sinnlose Gewalt
Die Tat löste bundesweit Entsetzen aus. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) zeigte sich fassungslos. «Es ist furchtbar, dass ein Kundenbetreuer bei der normalen Ausübung seiner Arbeit ums Leben kommt – getötet durch rohe und sinnlose Gewalt.»
Auch die Regierungschefs von Rheinland-Pfalz, Alexander Schweitzer, und des Saarlandes, Anke Rehlinger (beide SPD), sagten, sie seien «geschockt». «Diese schreckliche Gewalt gegen jemanden, der einfach seinen Job macht, lässt uns wütend und traurig zurück», teilten sie mit. «Der Opferschutzbeauftragte von Rheinland‑Pfalz wird der Familie Unterstützung anbieten», teilte Schweitzer zudem mit.
Bahn-Chefin Evelyn Palla schrieb in einem Beitrag auf der Plattform Linkedin, der Tod des Mitarbeiters mache sie «fassungslos und traurig». «Wir alle müssen uns die Frage stellen, warum es immer wieder zu solchen Gewaltausbrüchen kommt.» Es sei ein schwarzer Tag für alle Eisenbahnerinnen und Eisenbahner, ihr tiefes Mitgefühl gelte den Angehörigen, Freunden und Kollegen.
Schweigeminute der Eisenbahner
Die Deutsche Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) rufen nun zu einer Schweigeminute auf. «Wir sind erschüttert und trauern um unseren Kollegen», teilte der EVG-Vorsitzende Martin Burkert mit. «Heute steht die Eisenbahnerfamilie still.»
«Ab morgen erhöhen wir noch mal den Druck», schrieb die Gewerkschaft weiter. «Dieser brutale Überfall muss jetzt ein Umdenken einleiten.» Die Politik müsse Maßnahmen für mehr Sicherheit ergreifen.
Übergriffe sind keine Seltenheit
Angriffe auf Beschäftigte der Bahn sind bitterer Alltag in Deutschland: Von Januar bis Ende Oktober 2025 wurden 2.987 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahn Opfer von Straftaten. Darunter waren 1.148 Fälle von Bedrohung, 1.231 Fälle von Körperverletzung und 324 Fälle von gefährlicher Körperverletzung, wie aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage des Linken-Politikers Dietmar Bartsch hervorgeht.
Auch der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, Martin Burkert, fragt sich immer wieder, wieso Bahnmitarbeiter ähnlich wie Polizisten und Feuerwehrleute in den Fokus geraten. Einer Umfrage der EVG zufolge haben bereits 82 Prozent der Bahnmitarbeiter verbale oder körperliche Übergriffe bei der Arbeit erlebt. Die Befragung erfolgte im Februar 2024 online, knapp 4.000 Zugbegleiter, Servicekräfte im Bahnhof und Hotline-Mitarbeiter nahmen der EVG zufolge teil.
Forderung nach mehr Personal
«Wir brauchen eine Doppelbesetzung in den Zügen des Schienenpersonennahverkehrs», sagte Burkert der dpa. Bislang gehen die Zugbegleiter in Regionalzügen in der Regel allein durch die Abteile, anders als Kontrolleure zum Beispiel in Bussen. Ändern könnten das die Länder bei der Festlegung, wie viel Nahverkehr mit wie viel Personal angeboten werden soll. Zudem fordert Burkert mehr Bodycams mit Ton und eine Ausweitung des Konzepts von Notrufknöpfen in Regionalzügen.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert mehr Sicherheitspersonal in den Zügen. «Wir erkennen seit langer Zeit die wachsende Kriminalität und Brutalität auch im Bahnbereich», sagte der GdP-Vorsitzende für den Bereich Bundespolizei, Andreas Roßkopf, der «Rheinischen Post». «Seit Jahren fordern wir die Aufstockung des Personals in diesem Bereich.»
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.