Freiwillig oder eben mit Zwang
Wer kein Smartphone hat, muss ja nicht fliegen - oder?

Ryanair will Bordkarten (fast) nur noch über die hauseigene App ausgeben. | Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Symbolbild)
2Bilder
  • Ryanair will Bordkarten (fast) nur noch über die hauseigene App ausgeben.
  • Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Symbolbild)
  • hochgeladen von Victor Schlampp

Dublin/Frankfurt (dpa/vs) - Wer kein Smartphone hat, weil der es eigentlich nicht braucht und sich die monatlichen Gebühren sparen will, wird schleichend von immer mehr Teilbereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, oder muss sie sich mit teuren Alternativen erkaufen. Aktuelles Beispiel Ryanair hat der ausgedruckten Bordkarte den Kampf angesagt. Passagiere sollen ihre Smartphones nutzen und auf die hauseigene App gezwungen werden. Werden Internet-ferne Menschen abgehängt?

Von Christian Ebner, dpa
Der Billigflieger Ryanair macht Ernst und will die ausgedruckte Bordkarte abschaffen. Passagiere müssen ab heute ihre Tickets in elektronischer Form bereithalten, wenn sie ins Flugzeug einsteigen wollen, verlangt Europas größte Direktfluggesellschaft. Ihr Chef Michael O'Leary erwartet bei der Umstellung kleinere Startprobleme, während deutsche Verbraucherschützer erste Ansatzpunkte für Klagen sehen.

Vor allem unerfahrenen Passagieren gibt das kleine Stück Papier mit dem eigenen Namen, QR-Code und Platznummer das gute Gefühl, dass beim Einsteigen eigentlich nichts mehr schiefgehen kann. Schon bei den ersten Ankündigungen der irischen Airline zur neuen Gangart kam es daher in Großbritannien zu Kritik und Protesten. Werden technisch nicht so begabte Menschen oder Internet-Verweigerer damit nicht vom Fliegen ausgeschlossen?

Verbraucherschutz verlangt Alternative

Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert für alle Reisenden einen alternativen Weg, um jede Form der Mobilität nutzen zu können. «Mobilität darf nicht an das technische Geschick oder die technischen beziehungsweise tatsächlichen Möglichkeiten von Reisenden geknüpft werden. Es darf nicht zum Ausschluss von einzelnen Gruppen kommen», warnt Fluggastrechte-Referent André Duderstaedt. Sollten behinderte Menschen betroffen sein, könnten diese mit juristisch guten Chancen auf das Gleichbehandlungsgesetz pochen.

Ohne Papier an Bord: Ryanair will es erzwingen. | Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Symbolbild)
  • Ohne Papier an Bord: Ryanair will es erzwingen.
  • Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Symbolbild)
  • hochgeladen von Victor Schlampp

Start in den ruhigen Herbst verschoben

Das Unternehmen versucht, mögliche Bedenken zu zerstreuen und hat den ursprünglich für Mai geplanten Start in den ruhigeren November verschoben. Statt knapp 20 Millionen Passagieren (Mai 2025) dürften in dem kühlen Herbstmonat nur gut 13 Millionen Menschen mit den Iren unterwegs sein. Mögliche Probleme lassen sich bei geringerem Andrang an den Flughäfen leichter lösen. Im laufenden Geschäftsjahr erwartet die Gesellschaft einen Rekordwert von 207 Millionen Passagieren.

Ryanair will nach eigener Ankündigung die weltweit erste papierlose Airline werden. Mit den elektronischen Bordkarten könnten mehr als 300 Tonnen Abfall pro Jahr vermieden werden, heißt es in einer Mitteilung. Konkurrenten wie Easyjet, British Airways oder auch Lufthansa und Condor lassen den Kunden hingegen bislang die Wahl zwischen digitaler und analoger Bordkarte.

An der App führt kaum ein Weg vorbei

Eine zentrale Rolle in der Digital-Strategie spielt die Smartphone-Anwendung «myRyanair». Sie soll für die Kunden künftig der einzige Weg sein, um im elektronischen Check-in-Prozess eine Bordkarte zu erstellen. Die Airline will auch Kunden in die App holen, die ihre Tickets bei anderen Portalen gebucht haben. Ohne die kleine Datei auf dem Smartphone gelangt man nicht einmal in den Sicherheitsbereich eines Flughafens, geschweige denn an Bord eines Flugzeuges.

Der Fluggesellschaft zufolge nutzen bereits weit mehr als 80 Prozent der Gäste die moderne Technik. O'Leary ist überzeugt, dass auch die allermeisten der verbleibenden Passagiere auf ihren Flügen ein Smartphone bei sich haben, dieses aber bislang nicht zum Boarding verwenden.

Hauptsache eingecheckt

Die App ist aber auch im neuen System nicht für alle Reisenden zwingend erforderlich. So kann ein Hauptbucher die elektronischen Bordkarten für eine Gruppe vorzeigen oder sie einzeln an die Smartphones seiner Mitreisenden weiterleiten.

Im Interview mit der britischen Zeitung «The Independent» verspricht der Ryanair-Chef allen Passagieren am Flughafen unentgeltliche Hilfe, sofern sie nur eingecheckt sind. «Wenn die Batterie leer ist oder etwas passiert, haben wir nach dem Einchecken sowieso Ihre Sequenznummer am Flugsteig, und wir bringen Sie an Bord. Es braucht sich also niemand Sorgen zu machen.» Passagiere ohne Smartphone sollten sich von Freunden oder Verwandten beim Check-in helfen lassen, rät ein Sprecher des Unternehmens zusätzlich.

Letzter Ausweg am Schalter

Wer alle Warnungen und die wiederholten Erinnerungen zum Online-Check-in ignoriert, findet möglicherweise am Flughafen einen letzten und teuren Ausweg, um doch noch eine (ausgedruckte) Bordkarte zu erhalten und damit an Bord zu kommen: «In diesem Fall müssen Sie die Check-in-Gebühr am Flughafen bezahlen», vermerkt die Ryanair-Website. Das sind je nach Abflugland 30 (Spanien), 40 (Österreich) oder 55 Euro/Pfund (übrige EU/Großbritannien) pro Passagier und Strecke. Immerhin entfällt künftig die bislang erhobene Gebühr von 20 Euro für den Neuausdruck einer bereits erstellten Bordkarte.

«Nicht digital bedeutet teurer»

Komplett papierlos wird Ryanair also auch nach der Bordkarten-Reform nicht unterwegs sein. Für die Konsumenten gilt nach Auffassung des Verbraucherschutzes der bereits aus anderen Bereichen wie Bahncard oder Dienstleistungen im Zahlungsverkehr bekannte wie problematische Grundsatz: «Nicht digital bedeutet teurer».

Ryanair will Bordkarten (fast) nur noch über die hauseigene App ausgeben. | Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Symbolbild)
Ohne Papier an Bord: Ryanair will es erzwingen. | Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Symbolbild)
Autor:

Victor Schlampp aus Schwabach

Webseite von Victor Schlampp
Victor Schlampp auf Facebook
Victor Schlampp auf Instagram
Victor Schlampp auf X (vormals Twitter)

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

13 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.