Kleinste Dauerausstellung Deutschlands
Jüdische Spuren im Sebalder Pfarrhof: Das Rätsel um Frau Gutlins Grabstein

Erste Einblicke in die Ausstellung ,,Stein & Tür" mit (v.l.) Jo-Achim Hamburger (Vorsitzender der Israelistischen Kultusgemeinde), Alexander Schmidt (Museen der Stadt Nürnberg) und Pfarrer Martin Brons.
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  • Erste Einblicke in die Ausstellung ,,Stein & Tür" mit (v.l.) Jo-Achim Hamburger (Vorsitzender der Israelistischen Kultusgemeinde), Alexander Schmidt (Museen der Stadt Nürnberg) und Pfarrer Martin Brons.
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NÜRNBERG (nf) - Der Sebalder Pfarrhof ist eines der ältesten Bauwerke Nürnbergs. Bei der Instandsetzung  im Mai 2019 wurde bei Putzarbeiten in der Eingangshalle ein jüdischer Grabstein mit hebräischen Schriftzeichen oberhalb einer Tür gefunden. Knapp ein Jahr später fand sich auf einer Holztür von 1500 unterhalb des Grabsteins eine hebräische Inschrift, die unter mehreren Farbschichten verborgen war. Sie lautet: ,,Durch dieses Tor soll kein Kummer kommen". Für Nürnberg sind diese Funde in einem evangelischen Pfarrhof ohne Übertreibung eine Sensation.

Bei den Sanierungsarbeiten kam auf einer mittelalterlichen Holztür des Jahres 1500 ein hebräischer Segensspruch zum Vorschein.
  • Bei den Sanierungsarbeiten kam auf einer mittelalterlichen Holztür des Jahres 1500 ein hebräischer Segensspruch zum Vorschein.
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Die Entdeckung ist so bedeutend, dass man sich zu einer Planungs- und Konzeptänderung bei der Sanierung Pfarrhofes entschloss. Öffnung und mehr Sichtbarkeit sollte entstehen. Doch es passierte viel mehr. Es war der Beginn eines intensiven Austauschs der Evangelischen Kirchengemeinde mit der Israelitischen Kultusgemeinde auf der Suche nach angemessenem Umgang mit den historischen Zeugnissen. Nicht zuletzt entschloss man sich, so Jo-Achim Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, den Grabstein im Pfarrhof an gleicher Stelle zu belassen - keine Selbstverständlichkeit. Denn im Judentum ist das Grab ein ewiger Ruheort. Das Grab mit dazugehörigem Stein gilt als unantastbar. Zu verdanken ist diese Entscheidung nicht zuletzt Pfarrer Martin Brons, der den ,,Weg der Verständigung" zwischen Israelitischer Kultusgemeinde und Evangelischer Kirchengemeinde engagiert ,,etwas breiter gemacht hat" und das Konzept der Öffnung des Pfarrhofes tatkräftig und mit guten Ideen in Hände genommen hat. ,,Er ist halt ein Mensch", sagt Joch-Achim Hamburger über Pfarrer Brons.

Der Grabstein gehörte einer im Jahr 1334 verstorbenen Frau namens Gutlin.
  • Der Grabstein gehörte einer im Jahr 1334 verstorbenen Frau namens Gutlin.
  • Foto: Nicole Fuchsbauer
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Die Spurensuche gestaltet sich schwierig - ist längst nicht abgeschlossen. Viele Fragen bleiben offen. Eigentlich muss der Grabstein (Todesdatum 26. Dezember 1334) von Frau Gutlin, Tochter des Rab (Vater, Herr) Simson, aus einer Friedhofsschändung stammen - wie in Nürnberg nach der Vertreibung der Juden im Jahr 1499 geschehen. Die Stadt eignete sich den Grundbesitz der jüdischen Bevölkerung an, darunter auch den Friedhof. Ein Teil der Grabsteine wurde als Baumaterial missbraucht. Andere wurden offen wie eine Siegertrophäe präsentiert.

Leibl Rosenberg (l.), bekommt im Juli die Bürgermedaille der Stadt Nürnberg verliehen, Kulturbürgermeisterin Prof. Dr. Julia Lehner und Ludwig Spaenle (r.), Beauftrager der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe.
  • Leibl Rosenberg (l.), bekommt im Juli die Bürgermedaille der Stadt Nürnberg verliehen, Kulturbürgermeisterin Prof. Dr. Julia Lehner und Ludwig Spaenle (r.), Beauftrager der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe.
  • Foto: © St. Sebald/Anestis Aslanidis
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(Noch) ist unbekannt, wer den Grabstein im Sebalder Pfarrhof in die Mauer einbauen ließ, wann dies geschah und mit welcher Absicht. Da die Mauer, in die der Grabstein nachträglich eingelassen wurde, aus dem Jahr 1413 stammt, muss es später geschehen sein. Der letzte Teil der Inschrift - normalerweise ein Segen - fehlt. Sonst ist der Stein sehr gut erhalten. Bereits 1957 kommt der erste Hinweis auf die späteren Ereignisse zutage. Es ist der Brief von Jakob Feuchtwanger aus den USA an die Stadt Nürnberg. ,,Als kleine Jungen spielten wir gerne Detektive, um das Historische und die Geheimnisse des alten Nürnberg zu entdecken. Als wir uns unseres Judenseins bewusst wurden, zeigten wir natürlich besonderes Interesse für die jüdische Vergangenheit der Stadt. Wir entdeckten u.a. die kleinen Löcher an den Türpfosten der alten Judenhäuser, die die Mesusah (Gebet) enthielten. Auch fanden wir einen jüdischen Grabstein, der als Wand in der Eingangshalle des Sebalder Pfarrhofes verwendet wurde." Das bemerkenswerte des Briefes ist, dass der 2019 wiederentdeckte Grabstein nach 1938 verputzt worden sein muss. Feuchtwanger suchte ihn bei seiner Reise nach Nürnberg im Jahr 1954, kann ihn aber nur noch erahnen. Danach war der Stein vergessen - bis jetzt.

Pfarrer Brons und Historiker Alexander Schmidt sind sich sicher, der Grabstein stammt ursprünglich von dem 1499 zerstörten jüdischen Friedhof in der Nürnberger Altstadt.
  • Pfarrer Brons und Historiker Alexander Schmidt sind sich sicher, der Grabstein stammt ursprünglich von dem 1499 zerstörten jüdischen Friedhof in der Nürnberger Altstadt.
  • Foto: Nicole Fuchsbauer
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Wie Pfarrer Brons erklärt, könnte die Eingangshalle und die Tür im Kontext des humanistischen Bürgertums zu Beginn des 16.Jhs. in Nürnberg zu verorten sein, möglicherweise  im Kontext der großen Sanierung unter Propst Melchior Pfinzing von 1514. Von dem im 2. Stockwerk eingerichteten  „Pfinzing-Saal“ bestand ein unmittelbarer Zu- und Abgang durch eine vor die Wand gelegte Holzwendeltreppe zu dem sich hinter der Brettertüre befindlichen (Ausstellungs-)Raum, der in der mittelalterlichen Literatur als „Geheimnis“ bezeichnet wird.

Der Sebalder Pfarrhof präsentiert sich nach der Sanierung offen und einladend.
  • Der Sebalder Pfarrhof präsentiert sich nach der Sanierung offen und einladend.
  • Foto: Nicole Fuchsbauer
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Groß ist der Wunsch von Pfarrer Brons, dass der Pfarrhof wieder ein Identifikationspunkt für die jüdischen Glaubensgeschwister im Herzen der Altstadt wird. ,,Ein lebendiger Ort der Begegnung, um miteinander ins Gespräch zu kommen über das, was uns bewegt und gemeinsam dafür Sorge zu tragen, dass 'kein Kummer an unsere Tore kommt'.

In der Ausstellung wird an berühmte jüdische Persönlichkeiten erinnert. Jo-Achim Hamburger und Pfarrer Brons stehen vor dem Bild und der Geschichte des ehemaligen Schocken, das für Generationen in Nürnberg der Inbegriff für ein modernes Kaufhaus war und bleibt.
  • In der Ausstellung wird an berühmte jüdische Persönlichkeiten erinnert. Jo-Achim Hamburger und Pfarrer Brons stehen vor dem Bild und der Geschichte des ehemaligen Schocken, das für Generationen in Nürnberg der Inbegriff für ein modernes Kaufhaus war und bleibt.
  • Foto: Jürgen Friedrich
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Ausstellung ,,Stein & Tür"

Entstanden ist nun - wie eine Kette der Ereignisse - die wohl kleinste Dauerausstellung Deutschlands im Sebalder Pfarrhof. Nach der Sanierung präsentiert sich der Pfarrhof offen zugänglich für Besucher, die originalgetreuen Säle, das schöne Café Maulbeere und nicht zuletzt die neue ,Ein-Raum-Ausstellung ,,Stein & Tür" machen das Ensemble zu einem lebendigen, sehenswerten Treffpunkt für Gemeinde, Stadtgesellschaft und interessierte Touristen - kurz für Menschen aus aller Welt. Zu sehen sind der Grabstein und die Tür. Erinnert wird auch an berühmte jüdische Persönlichkeiten Nürnbergs. Beteiligt waren an dem Projekt u.a. die Museen der Stadt Nürnberg (Alexander Schmidt und Evelyn Reitz), Geschichte für Alle (Bernd Windsheimer, Daniel Gürtler, Magdalena Prechsl). Die Ausstellungsgestaltung auf kleinstem Raum übernahmen die Ausstellungsmacher Tobias Kurz, Nona Schmidt und Kollegen sowie die Medienwerkstatt Nürnberg.

Eröffnung mit Oberbürgermeister Marcus König, Pfarrer Martin Brons und Jo-Achim Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde.
  • Eröffnung mit Oberbürgermeister Marcus König, Pfarrer Martin Brons und Jo-Achim Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde.
  • Foto: © St. Sebald/Anestis Aslanidis
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Am 19. Mai wurde die Ausstellung ,,Stein & Tür" feierlich  im Sebalder Pfarrhof eröffnet. Grußworte sprachen Oberbürgermeister Marcus König, der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und Erinnerungsarbeit Ludwig Spaenle sowie Dr. Matthias Everding, Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse Nürnberg (Förderer). Die Ausstellung ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Besuch ist kostenlos. Auch Kinder werden durch eine ,,Kinderspur" an das Thema herangeführt und die Ausstellung geleitet.

Vernissage ,,Balken"

15 Künstler haben mit den historischen Dachbalken aus dem Sebalder Hof gearbeitet. Die Vernissage ist am 3. Juni 2022, 19 Uhr, in St. Sebald. Ein Teil des Verkaufserlöses kommt der Sanierung des Pfarrhofes zugute.
Ausstellung: 4. bis 22. Juni 2022
täglich 10 bis 18 Uhr

Jüdisches Leben in Nürnberg - der Schocken

Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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