Rohdiamant für die Südstadt
Kunstwerk „Rolihlahla“ auf dem Nelson-Mandela-Platz

Das Künstlerinnenduo missing icons, Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper, die südafrikanische Generalkonsulin Roleta Julieta Susana Lebelo, Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich, Oberbürgermeister Marcus König.
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  • Das Künstlerinnenduo missing icons, Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper, die südafrikanische Generalkonsulin Roleta Julieta Susana Lebelo, Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich, Oberbürgermeister Marcus König.
  • Foto: Christine Dierenbach / Stadt Nürnberg
  • hochgeladen von Nicole Fuchsbauer

NÜRNBERG (pm/nf) - Er sorgt schon jetzt auf dem Nelson-Mandela-Platz für „Unruhe“: ein Rohdiamant, der in einer durchsichtigen Acrylglasstele schwebt. Aus der Ferne kaum sichtbar, funkelt der Edelstein von Nahem im Licht und wird zum „Rolihlahla“ („Unruhestifter“) – getreu dem Titel, den ihm das Künstlerinnenduo missing icons nach Nelson Mandelas erstem Vornamen gegeben hat. Ob das 143.000 Euro treure Kunstwerk selbst Unruhestifter anzieht, wird sich noch herausstellen. 

Kürzlich haben Oberbürgermeister Marcus König, Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich, die südafrikanische Generalkonsulin Roleta Julieta Susana Lebelo, das Künstlerinnenduo missing icons, Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper, sowie die Leiterin der Kunsthalle Nürnberg, Ellen Seifermann, das Kunstwerk coronabedingt im Beisein weniger Gäste enthüllt. 

Oberbürgermeister Marcus König freut sich jedenfalls über das neue Kunstwerk im öffentlichen Raum: „Mit großem Aufwand haben wir den Nelson-Mandela- Platz umgebaut, begrünt und aufgewertet. Zu diesem neuen Platz passt ein Kunstwerk ganz hervorragend: ein Rohdiamant für die Südstadt.“ 

Diamanten werden über Jahrmillionen durch Druck und Hitze geformt. Sie sind die härtesten Edelsteine der Welt. Der Werkprozess von „Rolihlahla“ begann mit der Suche nach einem geeigneten Rohdiamanten. Angekauft wurde ein kleines, leicht verzogenes Oktaeder, das hell und klar im Kunst- wie Sonnenlicht leuchtet. Materiell weniger wertvoll als ideell wurde es in einem experimentell entwickelten Verfahren von der österreichischen Firma k-tec GmbH in einen mannshohen Acrylglasquader mit den Maßen 183 mal 62 mal 28 Zentimeter eingegossen. Der klare Quader steht auf einem High-Tech-Fundament auf dem Nelson-Mandela-Platz und der in ihm schwebende Edelstein wird von unten beleuchtet. Die Gesamtkosten für das Kunstprojekt samt Kunstwettbewerb betragen rund 143 000 Euro. Im Rahmen der städtebaulichen Erneuerungsmaßnahme „Umgestaltung Nelson-Mandela-Platz“ wurden das Projekt und der Wettbewerb aus Mitteln des Bundes und des Landes gefördert.

2015 hat die Stadt Nürnberg für den damals noch in der Umsetzungsplanung befindlichen Nelson-Mandela-Platz einen zweiphasigen weltweit offenen Kunstwettbewerb ausgelobt. Gesucht wurden Ideen, die Nelson Mandelas herausragender Bedeutung, seinem Leben, Denken und Wirken auf dem Platz Sichtbarkeit verleihen sollten und dabei auch eine Botschaft für den Ort an sich sein sollten. Im Frühjahr 2016 erklärte eine hochkarätige Jury „Rolihlahla – Troublemaker – Unruhestifter“ des Hamburger Künstlerinnenduos missing icons, Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper, zum Siegerentwurf. „Ich bin besonders glücklich, dass mit diesem besonderen Kunstwerk der Südstadt ein wertvolles Objekt zuteilwird. Das zeigt auch, dass herausragende Kunst ihren Platz in der ganzen Stadt hat – und dass solche Werke an allen Orten unseren Bürgern Freude bereiten können“, so Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich.

Nelson Mandelas Vater ahnte, dass sein Sohn niemals Ruhe geben würde, als er ihn „Rolihlahla“ nannte, „pulling the branch of a tree“, „am Ast des Baumes zerren“. Der Kampf gegen das Apartheid-Regime brachte ihn als jungen Mann für fast dreißig Jahre ins Gefängnis. Obwohl er den African National Congress (Afrikanischer Nationalkongress) nicht zum Gewaltverzicht aufrief, um selbst schneller freizukommen, kehrte er doch vollkommen verändert aus der Gefangenschaft zurück. Die erfahrene Gewalt und Isolation formten ihn zu dem anderen, herausragenden Menschen, der zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas wurde und auf eine Politik der Versöhnung und Gewaltfreiheit setzte.

Über die Jahre der Unfreiheit war in ihm der Gedanke gewachsen, dass nicht nur die Unterdrückten, sondern ebenso die Unterdrücker ihrer Menschlichkeit beraubt seien. „Als ich das Gefängnis verließ“, schrieb er 1997 in der Autobiographie „Der lange Weg zur Freiheit“, „war es meine Aufgabe, beide, den Unterdrücker und den Unterdrückten zu befreien. (...) Denn um frei zu sein genügt es nicht, einfach nur die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert.“

Der Diamant im Acrylblock ist der Versuch einer zugleich allegorischen wie zukunftsoffenen Annäherung an Nelson Mandelas Gratwanderung zwischen Gewalt und Versöhnung, erfahrenem Unrecht und dem unbeirrbaren Glauben an eine andere, freie Zukunft. Die Skulptur ist ein verlockender und produktiver Unruhestifter, der Unbezwingbarkeit und Verletzlichkeit, Unnachgiebigkeit und Offenheit untrennbar verschmilzt. Er zieht Kunstinteressierte, Schaulustige und Schatzsucherinnen sowie Schatzsucher in die Südstadt und provoziert ein Wechselspiel aus respektvoller Annäherung und Begehren, Angriff und Abwehr. Im Gegensatz zur Härte des Diamanten ist das Gehäuse, das ihn umfängt, verwundbar. Auf ihm zeichnen sich sukzessive Spuren ab. Die Skulptur steht damit auch für die Konflikte bei der Formulierung, Auslegung und Durchsetzung einer auf die Freiheit des anderen und auf Menschlichkeit bauenden Gesellschaft. Diese Menschlichkeit ist nicht zu verwechseln mit Menschenrecht, denn Mandela verstand sie nicht als universell gegeben oder vorgegeben, sondern als etwas, das täglich neu und in jedem Einzelfall besonders gelebt werden muss.

Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper arbeiten seit 2013 zusammen an Projekten für Kunst-am-Bau-Wettbewerbe und gründeten 2017 das Label missing icons. Sie materialisieren Verdrängtes, Verschwundenes, Unbestimmtes und Unvorstellbares im öffentlichen Raum. Ab Oktober realisieren sie auf der Hamburger Stadthausbrücke das Bodenrelief „Stigma“. Darüber hinaus haben sie mit den Vorbereitungen zur Realisierung des Bohrlochreliefs „Untiefen“ im zukünftigen Sitz der Bundesministerien für Gesundheit und Familie in Berlin begonnen, der im nächsten Frühjahr fertiggestellt wird.

Mehr Informationen zum Künstlerinnenduo unter
http://missingicons.de/

Das Künstlerinnenduo missing icons, Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper, die südafrikanische Generalkonsulin Roleta Julieta Susana Lebelo, Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich, Oberbürgermeister Marcus König.
Das Künstlerinnenduo missing icons, Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper, der südafrikanische Konsul Sifiso Mangali, die südafrikanische Generalkonsulin Roleta Julieta Susana Lebelo, Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich, Oberbürgermeister Marcus König (v.l.).
Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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