Jugend: Fast 700.000 Medien-Junkies?
Klingeln für eine Verabredung: Heute fast undenkbar!

Berlin (dpa/vs) - Kinder und Jugendliche sollten soziale Medien erst ab einem gewissen Alter nutzen dürfen - das finden zumindest viele Erwachsene. Doch wie denken die Jugendlichen eigentlich selbst darüber? Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) hat beispielhaft einige von ihnen gefragt. Die Ergebnisse überraschen - zumindest teilweise.

Im Auftrag des AWO-Bundesverbands haben die Wissenschaftler eine qualitative Studie durchgeführt und in Deutschland verteilt in vier Jugendeinrichtungen mit etwa 30 Kindern im Alter zwischen 14 und 18 Jahren gesprochen. Die Antworten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden anonymisiert. So haben sie geantwortet.

Sollte ein Mindestalter eingeführt werden?

«Ich würde ab 14 sagen, weil man genau da strafmündig ist und man genau weiß, wenn man halt was macht oder nicht macht», sagt ein Umfrageteilnehmer.

Die meisten der befragten Jugendlichen sprechen sich für ein Mindestalter ab 14 Jahren aus. Allerdings wurden in der Umfrage auch keine unter 14-Jährigen befragt. Viele finden, dass jüngere Nutzerinnen und Nutzer oft einen weniger reflektierten Umgang mit sozialen Medien haben, weniger auf Datenschutz achten und sich leichter von Fake News oder gefährlichen Trends beeinflussen lassen. «Man hat nicht so viel darauf geachtet, was man gepostet hat, was man gemacht hat, mit wem man geschrieben hat und alles», sagt ein Teenager über sein jüngeres Ich.

Sollte es für alle Plattformen das gleiche Mindestalter geben?

«Netflix ist über 18, kann so bleiben, aber YouTube nein. Muss so bleiben, wie es ist, frei zugänglich», findet ein Teenager.

Die Jugendlichen finden manche Plattformen problematischer als andere. Kritischer blicken sie zum Beispiel auf Instagram, Reddit oder X, weil dort weniger gefiltert werde. Dementsprechend sollte das Mindestalter auch variieren, finden viele. Ein Umfrageteilnehmer sagt, Instagram könne man zum Beispiel ab 15 Jahren freischalten. Snapchat hingegen sei harmlos. «Wenn du die Person nicht annimmst, dann kann doch nichts passieren.»

Ein Jugendlicher bezeichnet Tiktok als gefährlich, vor allem wegen Inhalten, die mit Künstlicher Intelligenz erzeugt würden. «Wenn das jetzt nochmal zwei Jahre so weitergeht, wird das für Jüngere sehr schwierig, das zu unterscheiden.»

Wie sieht es mit einem kompletten Verbot aus?

«Altmodisch», findet ein Jugendlicher. Es sei kaum vorstellbar, bei einem Freund an der Haustür klingeln zu müssen, um sich zu verabreden. «Vielleicht kommt er dann nicht raus. Dann bin ich umsonst rausgegangen. Also besser nicht.»

Insgesamt wird ein Verbot laut den Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Einerseits könnten Jugendliche, die im echten Leben wenig Kontakte hätten durch Social Media Freundschaften schließen. Mit einem Verbot ginge das nicht mehr. Andererseits sind die Teenager sich bewusst, dass soziale Medien süchtig und einsam machen könnten. Ein Leben ohne? Für sie trotzdem nicht vorstellbar. Faste alle Kommunikation laufe über Messenger-Dienste, nicht nur mit Freunden, sondern zum Beispiel auch mit Lehrern.

Sind Zeitbegrenzungen eine Lösung?

Ein Jugendlicher erzählt, er habe am Anfang eine Zeitbegrenzung von einer halben Stunde gehabt. «Eine halbe Stunde finde ich persönlich auch immer noch ein bisschen wenig. Aber diese Zeitbegrenzung fand ich wirklich gut. (...) also damals nicht, mittlerweile schon, (...) dass die Eltern sagen, okay, hier, du kriegst vielleicht zwei Stunden für alles und dann kriegst du aber noch Spotify.» Auch andere Jugendliche halten eine Zeitbegrenzung für eine Lösung, um die Bildschirmzeit zu verringern.

Was wünschen die Jugendlichen sich?

Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmern wünschen sich mehr Regulierung. Sie wünschen sich, dass die Plattformen mehr Verantwortung übernehmen und Inhalte altersgerecht filtern. Auf Plattformen wie Instagram und Tiktok bestehe zu wenig Jugendschutz. Pornografische, gewaltverherrlichende oder verstörende Inhalte seien auch für sehr junge Nutzer sichtbar. Sie schildern, wie sie Accounts blockieren und melden oder ihren Account selbst löschen, um sich zu schützen. Auch Eltern tragen ihrer Ansicht nach Verantwortung.

Autor:

Victor Schlampp aus Schwabach

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