75. Jahrestag des Beginns der Nürnberger Prozesse ++ Übertragungen und Veranstaltungen im Überblick ++ Historische Fotos in der Bildergalerie
Festakt aus dem Saal 600 mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Das Tribunal während der Urteilsverkündung (v.l.): Alexander F. Wolchkow und Iola T. Nikitschenko (UdSSR), Norman Birkett und der Vorsitzende des IMT, Geoffrey Lawrence (Großbritannien), Francis Biddle und John J. Parker (USA) sowie Henri Donnedieu de Vabres und Robert Falco (Frankreich).
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  • Das Tribunal während der Urteilsverkündung (v.l.): Alexander F. Wolchkow und Iola T. Nikitschenko (UdSSR), Norman Birkett und der Vorsitzende des IMT, Geoffrey Lawrence (Großbritannien), Francis Biddle und John J. Parker (USA) sowie Henri Donnedieu de Vabres und Robert Falco (Frankreich).
  • Foto: National Archives, College Park, MD, USA
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NÜRNBERG (pm/nf) - Am 20. November 2020 jährt sich der Beginn der Nürnberger Prozesse zum 75. Mal. Zeitgleich feiert das Memorium Nürnberger Prozesse sein zehnjähriges Bestehen. Anlässlich dieser beiden Jahrestage nähern sich mehrere Projekte aus unterschiedlichsten Blickwinkeln dem historischen Ereignis. Aufgrund des aktuellen Pandemiegeschehens finden sie hauptsächlich im digitalen Raum statt. Herzstück des Programms ist ein virtueller Erinnerungsakt am Freitag, 20. November 2020, um 19 Uhr aus dem Saal 600, dem historischen Ort des Gerichtsverfahrens. Ehrengast ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
  • Foto: Maurizio Gambarini/dpa/Archivbild
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Am 20. November 1945 mussten sich erstmals in der Geschichte führende Repräsentanten eines Staats für ihre Verbrechen vor einem internationalen Gericht verantworten. An diesem Tag eröffnete der „Hauptkriegsverbrecherprozess“ gegen 21 ranghohe Vertreter des NSStaats im Nürnberger Justizpalast. Das Militärgericht setzte sich aus Vertretern der vier alliierten Mächte – USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich – zusammen. Der „Jahrhundertprozess“ dauerte ein knappes Jahr und endete am 1. Oktober 1946 mit zwölf Todesurteilen, drei lebenslangen sowie vier langjährigen Freiheitsstrafen und drei Freisprüchen. Bis zum 14. April 1949 schlossen sich die „Nürnberger Nachfolgeprozesse“ an. Die Verfahren markieren den Beginn der bis heute anhaltenden juristischen Strafverfolgung nationalsozialistischer Verbrechen.

Die Hauptangeklagten im "Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess". m Hintergrund ist die Aufzugstür zu sehen, durch die die Angeklagten den Saal betraten, 1945/1946.
  • Die Hauptangeklagten im "Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess". m Hintergrund ist die Aufzugstür zu sehen, durch die die Angeklagten den Saal betraten, 1945/1946.
  • Foto: National Archives, College Park, MD, USA
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Ebenfalls am 20. November 2020 begeht auch die Institution Memorium Nürnberger Prozesse ihr zehnjähriges Bestehen. Mit der Eröffnung des Memoriums hat die Stadt Nürnberg 2010 einen wichtigen Baustein der Erinnerungskultur zur Aufarbeitung der Verbrechen des NS-Regimes gelegt. Die Einrichtung versteht sich dabei nicht zuerst als ein Ort der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte, sondern als einer, an dem Weltgeschichte geschrieben wurde. Mit der Idee vom Primat des Rechts vor dem der Macht eröffnete der Nürnberger „Hauptkriegsverbrecherprozess“ einen zukunftsweisenden Umgang mit Kriegs- und Menschlichkeitsverbrechen, der noch gegenwärtig große Erwartungen und Hoffnungen weckt.

Die Stadt Nürnberg steht wie kaum ein anderer Ort für die unterdrückende ebenso wie für die rechtsstaatliche Anwendung von Recht: Als Verkündungsort der „Nürnberger Gesetze“ 1935 ist die Stadt bis heute fest mit der Schaffung einer pseudo-legalen Grundlage zur Entrechtung von Minderheiten verbunden – aber auch mit der Wiederherstellung rechtsstaatlicher Grundsätze durch die Alliierten ab 1945. Das Memorium Nürnberger Prozesse widmet sich diesem Aufbruch, der Wiedereinsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien in Deutschland und der weiteren Entwicklung des Völkerstrafrechts.

Der Saal heute. Museen der Stadt Nürnberg, Memorium Nürnberger Prozesse.
  • Der Saal heute. Museen der Stadt Nürnberg, Memorium Nürnberger Prozesse.
  • Foto: Christine Dierenbach
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Im Frühjahr 2020 wurde der Saal 600, der historische Ort der Nürnberger Prozesse, von der Justiz als Verhandlungsort aufgegeben, das letzte Urteil wurde im Februar gefällt. Damit ist der Schwurgerichtssaal zum ersten Mal von seinem ursprünglichen Zweck entkoppelt und kann nun als Erinnerungsort aufbereitet werden. Dies gewährleistet die künftig noch bessere Zugänglichkeit für Besucherinnen und Besucher aus aller Welt.

Anlässlich der beiden Jahrestage plant das Memorium Nürnberger Prozesse eine Vielzahl an unterschiedlichen Projekten, die aufgrund der Corona-Pandemie hauptsächlich im digitalen Raum stattfinden.

Virtueller Erinnerungsakt am Freitag, 20. November 2020, 19 Uhr

Der Erinnerungsakt findet im Saal 600, dem historischen Ort der Nürnberger Prozesse, statt. Nach der Begrüßung durch den Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede. Dr. Markus Söder, Ministerpräsident des Freistaats Bayern, spricht ein Grußwort. Videobotschaften senden Benjamin Ferencz, Zeitzeuge und ehemaliger Chefankläger im sogenannten Einsatzgruppenprozess, Dr. Fatou Bensouda, Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, und die vier Außenminister der ehemaligen alliierten Nationen: Michael Pompeo (USA), Dominic Raab (Großbritannien), Jean-Yves Le Drian (Frankreich) und Sergei Lawrow (Russland). Das abschließende Podiumsgespräch ist besetzt mit dem britischen Juristen und Völkerrechtler Prof. Philippe Sands, Prof. Dr. Angelika Nußberger, ehemalige Vizepräsidentin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, und Dr. Christophe Eick, Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amts und Völkerrechtsberater der Bundesrepublik Deutschland. Es moderiert Michaela Kolster, Programmgeschäftsführerin des TV-Senders Phoenix. Aufgrund des aktuellen Pandemiegeschehens wird der virtuelle Erinnerungsakt ab 19 Uhr im Livestream auf https://75jahre-nuernbergerprozesse.de/erinnern/festakt und www.phoenix.de übertragen und am Sonntag, 22. November 2020, um 13 Uhr auf dem Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix im Fernsehen ausgestrahlt.

Microsite zum 75. Jahrestag der Nürnberger Prozesse

Zum Jahrestag wurde eigens eine Microsite zum Thema erstellt, die auf Deutsch und Englisch sowie in Leichter Sprache verfügbar ist: https://75jahre-nuernberger-prozesse.de

Die Aufgabe der Microsite ist es, eine digitale Plattform für die unterschiedlichen Projekte und Veranstaltungen des Jahrestags zu schaffen. Zusätzlich bietet sie die Möglichkeit einer digitalen Herstellung von Öffentlichkeit für die einzelnen Projekte, da aufgrund der CoronaPandemie Veranstaltungen nicht in üblicher Form stattfinden können. Außerdem fungiert sie als digitales Archiv des Jahrestags für die Institution und die Öffentlichkeit, durch das die Inhalte langfristig zugänglich gemacht werden können.

Neben detaillierten Infos zu den einzelnen Programmpunkten bietet die Microsite auch einen Überblick zu den Nürnberger Prozessen. Ebenfalls enthalten sind Videobotschaften einiger der letzten Zeitzeugen der Nürnberger Prozesse, deren Zeugnisse als „oral history“ auf der Microsite zur Verfügung stehen. Ergänzt werden diese mit Aufzeichnungen von Gesprächen mit Expertinnen und Experten zum Thema Nürnberger Prozesse. Manche dieser Videobotschaften werden während des virtuellen Erinnerungsakts gezeigt und erst danach auf der Microsite veröffentlicht.

Festschrift “That four great nations. 75 Jahre Nürnberger Prozess. 75 Years Nuremberg Trial“

Anlässlich der Jahrestage erscheint ein Sammelband in der Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg, der vom Memorium Nürnberger Prozesse herausgegeben wird. Autorinnen und Autoren aus den ehemals vier alliierten Staaten sowie Deutschland nähern sich mit verschiedenen Schwerpunkten und aus unterschiedlicher Fachrichtung dem historischen Ereignis. Die Beiträge in der reich bebilderten Publikation regen neue Sichtweisen und Erkenntnisse an: Im Fokus stehen der Nürnberger „Hauptkriegsverbrecherprozess“ als herausragende Leistung des Multilateralismus und Ort der internationalen Begegnung sowie das Potential der historischen Stätte als weltweit bedeutender Erinnerungs- und Lernort.

Die Publikation erscheint im November 2020 beim Michael Imhof Verlag als Band 21 der Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg. Sie ist zweisprachig (Deutsch und Englisch), umfasst 107 Seiten und ist zum Preis von 12,95 Euro direkt beim Memorium Nürnberger Prozesse oder im Buchhandel unter der ISBN 978-3-7319-0948-4 erhältlich.

Digitaler Poetry Slam „Wortstark“ am Donnerstag, 26. November 2020, 19.30 Uhr

Fünf Poetinnen und Poeten tragen nach den Regeln eines Poetry Slams ihre Gedanken und Gedichte zum Thema „75 Jahre Nürnberger Prozesse“ vor. Die Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich damit, welche Bedeutung und Aktualität die Nürnberger Prozesse auch heute noch haben und behandeln dabei historische Themen wie auch aktuelle Fragen. Es moderiert Michael Jakob, Stamm-Moderator der Poetry Slams in Ansbach, Bayreuth, Fürth und Nürnberg.

Aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen findet die Veranstaltung rein digital statt und wird live auf der Microsite gestreamt unter https://75jahrenuernberger-prozesse.de/diskutieren/poetry-slam sowie auf dem YoutubeKanal des Poetry Slam Bayreuth: https://youtu.be/eAgUu3LChQc.

Digitale Buchvorstellung und Lesung am Donnerstag, 3. Dezember 2020, 19 Uhr

Bei einer digitalen Buchvorstellung präsentiert der britische Jurist und Autor Philippe Sands sein neues Werk „Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht“. Im Autorengespräch berichtet er außerdem von seinen persönlichen Erfahrungen bei der Entstehung des Buchs. Die Schauspielerin Katja Riemann, bekannt aus Filmen wie „Fack Ju Göhte“ und „Rosenstraße“, liest ausgewählte Passagen aus der deutschen Übersetzung der Neuerscheinung.

„Die Rattenlinie“ erzählt die Geschichte des SS-Offiziers Otto Wächter, Spross einer der angesehensten Familien Österreichs, der ab 1939 NSGouverneur von Krakau und ab 1942 von Galizien war. Nach 1945 wurde er von den Alliierten als mutmaßlicher Kriegsverbrecher gesucht, ihm gelang jedoch die Flucht.

Die Erzählung ist eng mit den Nürnberger Prozesse verbunden: Im Vorfeld der Prozesse musste man sich auf die Angeklagten verständigen – viele der Gesuchten konnten jedoch weder ausgemacht noch vor Gericht gestellt werden. Gerade die „Nichtangeklagten“ von Nürnberg sind bis heute ein wenig beleuchteter Aspekt.

Die Veranstaltung findet in englischer und deutscher Sprache statt (Autorengespräch auf Englisch, Lesung auf Deutsch) und wird digital auf Zoom übertragen. Zur Teilnahme ist eine E-Mail an memorium@stadt.nuernberg.de erforderlich, damit ein Link zur Veranstaltung zugeschickt werden kann. Eine Registrierung bei Zoom oder das Herunterladen der App sind nicht nötig.

Ausstellung „Gesprayt – Schülerprojekt zum 75. Jahrestag der Nürnberger Prozesse“

Schülerinnen und Schüler der Scharrer-Mittelschule in Nürnberg beschäftigten sich mit den Fragen, wie aktuell die Nürnberger Prozesse 75 Jahre nach ihrer Eröffnung heute noch sind und welche Bedeutung sie für sie persönlich haben. In einem zweitägigen Workshop mit Carlos Lorente von der Graffiti Akademie Style Scouts wurden die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen in Graffitis „übersetzt“ und auf Leinwände gesprüht.

Die während des Workshops entstandenen Graffitis werden in einer Ausstellung im Cube 600 gezeigt. Der Cube 600 ist eine ehemalige Werkstatt gegenüber dem Memorium Nürnberger Prozesse und wird künftig Wechsel- und Wanderausstellungen zeigen. Aufgrund der aktuellen Schließung des Memoriums ist derzeit noch nicht abzusehen, wann die Ausstellung eröffnen kann.

Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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