Statement der Kulturliga zur Coronakrise
Kulturszene in der Krise: Diese acht Maßnahmen könnten uns wirklich helfen!

Konzert- & Clubkultur in der Coronakrise: Holger Watzka, Sprecher der Kulturliga.
  • Konzert- & Clubkultur in der Coronakrise: Holger Watzka, Sprecher der Kulturliga.
  • Foto: Kilian Reil
  • hochgeladen von Nicole Fuchsbauer

NÜRNBERG/REGION (pm/nf) - Die Kulturliga, der Zusammenschluß der LiveMusikSpielstätten Nürnberg – Fürth – Erlangen, hat ein ausführliches, konstruktives, aber auch nicht ganz unkritisches Statement zur Situation in der sogenannten freien Kulturszene der Stadt Nürnberg und der Region erarbeitet. Beteiligt waren dabei alle Akteure der Kulturorte, die den Verein Kulturliga ehrenamtlich am Laufen halten.

,,Darüberhinaus haben eine ganze Menge weiterer Kulturschaffende unser Statement mit unterschrieben. Vom Jazzstudio Nürnberg bis zum Verband Popkultur Bayern, vom Burgtheater bis zum Popbeauftragten des Bezirks Mittelfranken. Aber auch ganz viele, kleine freie Veranstalterkollektive und Akteure aus dem Nacht- und Clubkulturleben, Festivals wie das Brückenfestival oder Intitiativen wie Urban Lab", erklärt Holger Watzka von der Kulturliga. Der Kulturbereich wurde in der Coronakrise schwer getroffen. Grundlage aller Geschäfte ist hier die Gemeinschaft und der Kontakt von Menschen. Daher wurde dieser Bereich als einer der ersten komplett heruntergefahren und ihm wird wohl auch als einer der letzten erlaubt sein wieder zu öffnen.

Eine kurzfristige Studie der LiveKomm, des Bundesverbandes der Live-Spielstätten in Deutschland, vom 25. März 2020 besagt, dass durch die Coronakrise allein bis dahin 1.160 Clubs ihre Live-Veranstaltungen absagen oder verschieben mussten. Nicht mit eingerechnet sind dabei die zahlreichen Clubnächte, Lesungen, Poetry-Slams und vieles mehr. Allein im Live-Musikbusiness entspräche das 15.000 Shows und Umsatzeinbußen von 34 Millionen Euro pro Monat. Weitere Zahlen der Studie belegen Umsatzeinbußen von 3.652,5 Mio. Euro für sechs Monate bei Agenturen und 684 Millionen Euro für Festivals im gleichen Zeitraum. ,,Nicht nur wir als Spielstätten sind davon akut existenziell bedroht, sondern auch alle damit verbunden Gewerke wie Sicherheits- und Reinigungsunternehmen, freie Veranstaltungstechniker_innen und Verleihfirmen, Vorverkaufstellen, Brauereien und Getränkehändler_innen, Agenturen und nicht zuletzt und vor allem Künstler_innen, Musiker_innen und Bands. Ihnen allen wurde plötzlich und völlig unverschuldet die Geschäftsgrundlage entzogen. Dabei handelt es sich bei den meisten auch um die Lebensgrundlage, die selbst aufgebaute Existenz, den ,eigenen Laden', also um ganz persönliche und existenzielle Dinge", so Watzka weiter. Eine Spendenaktion für die Musik- und Clubkultur der Region findet sich hier.

In einem Statement beschreibt die Kulturliga die Lage der Konzert- und Clubkultur zu Coronazeiten aus eigener Sicht:

Handlungsbedarf
,,Was allen helfen würde, sind finanzielle Mittel, gestaltet als Förderungen oder Subventionen – nicht als Darlehen, denn Konzerte können nicht einfach doppelt abgehalten werden. Die finanziellen Einbußen sind faktisch nicht regenerierbar. Die Stadt Nürnberg hat mit dem „Bündnis für Kultur“ nun einen ersten Ansatzpunkt zur finanziellen Unterstützung für freiberufliche Künstler_innen geschaffen – die Kritik daran ist von vielen Seiten groß und teilweise auch nachvollziehbar. Angesichts der Höhe der von der Sparkassenstiftung Nürnberg zur Verfügung gestellten Summe von 25.000 Euro als Sockelbetrag, aber auch vor dem Hintergrund, dass die Stadt Nürnberg selbst aus eigenen Mitteln bislang noch kein Hilfspaket geschnürt hat. Dadurch wachsen die Sorgen und es entsteht der Eindruck, dass das „Bündnis für Kultur“ kein ernstgemeintes Hilfsprogramm darstellt. Es muss allen klar sein: die freie Kulturlandschaft ist massiv bedroht und braucht Unterstützung. Ohne diese Kultur ist keine Kulturhauptstadt denkbar, die den Namen verdient. Auch nach Covid-19 werden wir uns in einer gefühlten Dauerquarantäne befinden, wenn weite Teile unserer Kulturschaffenden und Kulturorte verschwunden sind, weil wir ihnen die nötigen Hilfsmaßnahmen vorenthalten haben. Unabdingbar ist also dem Vorbild von Städten wie Leipzig, Köln, Braunschweig oder Hannover zu folgen und ein starkes, von Bund und Land Bayern unabhängiges und zusätzliches Hilfspaket für die Kulturszene der Metropolregion auf den Weg zu bringen, denn klar ist: Diese Unterstützungen werden alleine nicht reichen und können nicht dezidiert auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen. Für die Konzeption dessen bietet die Kulturliga ihre Mithilfe an."

Weitere Lösungsansätze
,,Es wäre naiv zu glauben, die komplette Szene, ihre Arbeitsplätze, ihre Macher_innen können mit einem groß angelegten Spendenaufruf gerettet werden. Die Betriebe und Akteur_innen selbst tun sicherlich ihr Möglichstes diese Phase zu überstehen, bitten ihre Gäste um Solidarität, um Unterstützung, sparen wo es nur geht, versuchen neue Geschäftsfelder zu erschließen und hoffen. Dieser Szene, die ohnehin schon mit vergleichsweise zu geringen finanziellen Mitteln auskommt, kann zusätzlich noch mit verhältnismäßig einfachen (lokal-)politischen Mitteln und Maßnahmen kurz- und mittelfristig geholfen werden. Forderungen, die schon lange bestehen, sollten in der aktuellen Krise erneut geprüft werden, um verschiedene Facetten der Konzert- und Clubkultur zeitlich begrenzt oder im Idealfall dauerhaft zu unterstützen.Nach dem Shutdown kann nicht einfach geöffnet werden als ob nichts gewesen wäre.

Um die massiv geschwächte Konzert- und Clubkultur wieder anzukurbeln sollten...

• ...die Öffnungszeiten für Außenbereiche überprüft werden. Längere Öffnungszeiten ermöglichen der Gastronomie, die direkt mit den Spielstätten verbunden ist, weitere Einnahmequellen.

• ...die viel diskutierte „Putzstunde“ um 5 Uhr morgens erneut auf den Prüfstand gestellt werden. Clubs werden für Gäste attraktiver, wenn die Möglichkeit besteht, diese länger (oder erst später) aufzusuchen. Die Eintrittseinnahmen und gastronomischen Einnahmen steigen dadurch. Auch wenn Argumente für die Putzstunde und gegen deren dauerhafte Abschaffung sprechen, könnte zumindest die Bewilligung von Ausnahmegenehmigungen in begründeten Einzelfällen erleichtert werden.

• ...bereits bewilligte Fördergelder der öffentlichen Hand in voller Höhe ausbezahlt und institutionelle Förderungen auch in den kommenden Jahren nicht gekürzt sondern erhöht werden.

• ...steuerliche Erleichterungen geschaffen werden. Aktuell wird auf Bundesebene eine Absenkung der Umsatzsteuer von 19% auf 7% als Unterstützungsmaßnahme für die Gastronomiebranche diskutiert. Diese Maßnahme befürworten wir ausdrücklich. Zudem wäre ein sinnvoller Ansatzpunkt, Eintrittserlöse aus allen Veranstaltungen ebenfalls lediglich mit 7% zu besteuern. Dadurch bliebe effektiv mehr Nettoertrag direkt bei den Veranstaltungsorten und Veranstalter_innen hängen.

• ...die Regelungen der sogenannten Stillen Feiertage gelockert werden. Auch hier besteht konkretes Potenzial für die Szene an neun zusätzlichen Tagen weitere Einnahmen zu erzielen und dem Bild einer modernen und urbanen Großstadt zu entsprechen.

• ...die Rahmenbedingungen für Besucher_innen erleichtert werden. Eine Partnerschaft mit VGN bzw. VAG könnte Gästen von Konzert- und Clubveranstaltungen mit entsprechendem Ticket zur kostenlosen Nutzung des ÖPNVs berechtigen, wie es bei Veranstaltungen der Hochkultur und beim Sport längst gängig ist. Dies würde zudem erheblich zur nächtlichen Verkehrssicherheit und Ruhe beitragen.

• ...Plakatflächen (z.B. der Stadtreklame, an VAG-Wartehäuschen) gratis oder stark vergünstigt zur Verfügung gestellt werden. Diese sind aufgrund ihrer Kosten für kleinteilige Kulturformate sonst kaum zugänglich, sodass diese im öffentlichen Raum fast gänzlich unsichtbar sind.

• ...städtische Gebühren zur Müllentsorgung, Gewerbesteuer, Grundsteuer o.ä. ausgesetzt werden.

Es gibt noch zahlreiche weitere Ideen und Möglichkeiten um im Rahmen der lokalpolitischen Möglichkeiten die Kultursparte zu unterstützen. Wieder stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage: Könnte nicht die schon seit langem geforderte und viel diskutierte Position eines/r Nachtmanager_in behilflich sein, um Bedarfe von Kultur, Gastronomie und Nachtleben zusammen mit Politik und Verwaltung zu verhandeln? Auch hier appellieren wir diesen Schritt energisch weiterzuverfolgen."

Ausblick

,,Die Kulturliga ist sich der schweren Situation bewusst, denn sie sieht die existenzielle Bedrohung von Kultur im Allgemeinen und Einzelschicksalen im Speziellen. Ihre Mitglieder hoffen darauf, dass gewählte Vertreter_innen und städtische Bedienstete auch in diesem Fall den Kurs der pragmatischen Lösungsfindung einschlagen, bürokratische Hürden vermeiden und schnell und effizient aktiv werden. Es besteht jetzt die Möglichkeit wie auch die historische Notwendigkeit der Bedeutung von Kultur Ausdruck zu verleihen, die in den vergangen Jahrzehnten so oft beschworen wurde als sie noch nicht derart bedroht war."

Unterstützt wird das Statement von zahlreichen Veranstaltern, Gruppen, Vereinen und Initiativen:

Die Kulturliga-Mitglieder:Café Kaya e.V., Club Stereo, Stadtteilzentrum Desi,  Eat-The-Beat e.V,. Haus 33, Kulturzentrum E-Werk, KulturKellerei, Kulturort Badstraße 8, Fürth, Kunstkeller o27 e.V., Kunstverein im Z Bau, Mata Hari Bar, MUZclub, Nasty Entertainment, Die Rakete, nbg-breaks e.V., Z-Bau – Haus für Gegenwartskultur.
Außerdem: Downtown Bar, NürnbergHeizhaus / Quellkollektiv e.V., Urban Lab
Verband für Popkultur Bayern e.V., Team Büro (HipHop Veranstalter, Agentur, Label, Nürnberg), Initiative Kunst Braucht Raum, Trouble In Paradise (Veranstalter_innen Kollektiv), Tante Betty Bar Nürnberg, Brückenfestival e.V., Parvenue (Soziokultur/Musik/Kommunikations-Agentur, Nürnberg), Protestgarten Fürth, Navigator Productions (Konzert- und Festivalveranstalter), Musikverein e.V. (Nürnberg),  It Isn‘t Happening (Festival, Veranstalter_innen), Sänders e.V., Katana e.V., Lass Weng Flown (HipHop-Veranstalter, Nürnberg), Pechschwarz (Konzertveranstalter_innen, Nürnberg), Blues Will Eat e.V., Pop! Rot Weiss, Popularmusikberatung Bezirk Mittelfranken, Katharina Mock (Poetry Slam Veranstalterin Erlangen/Nürnberg), Burgtheater Nürnberg, Krupski (Autor, Musiker, Veranstalter), Jan Hagemann (DJ & Veranstalter, Nürnberg), Ric Stüber (DJ & Veranstalter, Nürnberg), Moritz Richter (freier Veranstalter, Die Rakete Booking UG), Andreas Basner & Lisa Renz-Hübner (Lokale Leidenschaften / Radio Z), Thomas Wurm (DJ, Musiker, Veranstalter, Nürnberg Pop Festival), Bird Berlin (Musiker, Künstler, Veranstalter), Agentur Zeitvertreib (Eventagentur, Nürnberg), Obacht Agentur (Booking, Events, KulturAgentur, Erlangen), Peter Gruner (Musiker, Jazz im E-Werk Booker, Journalist, Erlangen), Karsten Barnett (Veranstalter, Schallplattenfachhandel, Kulturaktivist), Rock City News (Magazin), Carsten Bunnemann (Fotograf / Konzertfotografie, Erlangen), Schwarzfunk (Radio Z), Bunkersyndikat, Disko Jakuzzi / Xylotrip, Nürnberg Pop Festival/Wild2000 (Festival, Agentur), mono-Ton (Tonträger & Hifi, Nürnberg), Jan Bratenstein (Veranstalter, The Black Elephant Band), Mui Mui Musik (Event Kollektiv), We All Die Worse (DJ-Kollektiv/Veranstalter), FUZZ over Nuernberg (Veranstalter), Curt Magazin Nürnberg.

Hintergrund:
Die Kulturliga e.V. ist ein Dachverband regionaler Konzertveranstalter_innen und Live-Spielstätten. Mitglieder sind: Café Kaya e.V, Club Nasty, Club Stereo, Die Rakete, Eat The Beat e.V., E-Werk Erlangen, Haus 33, Kulturkellerei, Kulturort Badstraße 8, Kunstkeller o27 e.V., Kunstverein Hintere-Cramergasse e.V., Mata Hari Bar, MUZclub, nbg breaks e.V., Stadtteilzentrum Desi, Z-Bau.

Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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