„Bestrafe einen, erziehe hundert“
Podcast: Harald Martenstein über die Erosion des Journalismus
- In der nächsten Podcast-Folge von ungeskriptet gibt es einen tiefen, ungeschönten Einblick in das Weltbild und die Karriere einer der prägnantesten Stimmen der deutschen Publizistik. Harald Martenstein blickt in diesem Gespräch auf eine ungewöhnliche Laufbahn zurück, die er selbst als „Alterskarriere“ bezeichnet.
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BERLIN (pm/nf) – Eine der prägendsten Stimmen der deutschen Publizistik blickt auf eine ungewöhnliche Karriere zurück, die er selbst als „Alterskarriere“ bezeichnet. Erst im Alter von fast 50 Jahren begann Martenstein seine berühmte Kolumne für Die Zeit, die er 24 Jahre lang fortführte. In einem tiefgründigen Gespräch mit Ben Berndt reflektiert er über den radikalen Wandel seines Berufsstandes und die zunehmende moralische Enge im öffentlichen Diskurs.
Von Chronisten zu „politischen Influencern“
Martenstein beschreibt eine schleichende Veränderung in den Redaktionen, die er mit dem langsamen Ausfallen von Haaren vergleicht: Man bemerkt es erst, wenn es bereits offensichtlich ist. Zu Beginn seiner Laufbahn herrschte das britische Ideal der strengen Trennung von Nachricht und Meinung. Journalisten sollten sich „nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“. Diese Generation von Chefredakteuren sei jedoch verschwunden und durch Leute ersetzt worden, die sich eher als „politische Influencer“ verstehen. Dies führe zu einer weltanschaulichen Homogenität, die ganze Teile der Bevölkerung nicht mehr repräsentiere. Martenstein sieht darin eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Medien, da Journalisten oft ihre eigenen Wünsche mit der Realität verwechseln – ein Phänomen, das er besonders bei der Berichterstattung über Donald Trump beobachtete.
Der Tagesspiegel und die disziplinierende Wirkung
Ein Wendepunkt in Martensteins Karriere war sein Ausscheiden beim Tagesspiegel im Jahr 2022 nach über 33 Jahren Zusammenarbeit. Auslöser war eine Kolumne über den Judenstern-Vergleich bei Corona-Demos, die nach öffentlichem Druck von der Redaktion gelöscht wurde.
Martenstein beschreibt einen „seltsamen Zufall“, als innerhalb kürzester Zeit in mehreren Medien – darunter die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung und T-Online – nahezu parallel Artikel erschienen, die forderten, ihm keine Bühne mehr zu bieten oder ihn aus dem Diskurs zu entfernen. Er betont aber, dass sich ein solches Zusammenwirken überhaupt nicht belegen lasse, bezeichnet es aber als einen „merkwürdigen Vorgang“; die zeitliche Nähe der Veröffentlichungen werfe Fragen auf. Martenstein analysiert dies mit einem Zitat von Mao Zedong: „Bestrafe einen, erziehe hundert“. Solche „Strafmaßnahmen“ dienten dazu, jungen Journalisten die unsichtbaren Grenzen aufzuzeigen, die sie nicht überschreiten dürfen, wenn sie ihre Karriere nicht gefährden wollen. Während Martenstein selbst durch seinen Namen geschützt war und schnell bei Bild und Welt Fuß fassen konnte, übe dieser Mechanismus auf jüngere Kollegen eine enorme Einschüchterungswirkung aus.
Eisige Theatersäle vs. die Realität der Straße
Besonders deutlich wurde der Graben zwischen medialen Milieus und der breiten Bevölkerung bei seinem Auftritt im Hamburger Thalia-Theater, wo er gegen ein AfD-Verbot plädierte. Die Stimmung im Saal beschreibt er als eisig und feindselig. Doch während das Theaterpublikum ihn ablehnte, ging die Rede im Internet viral und erreichte Millionen. Martenstein betont eine interessante Beobachtung: Seit diesem Auftritt sei er im „echten Leben“ auf der Straße kein einziges Mal angepöbelt worden. Er habe ausnahmslos positives Feedback erhalten, was zeigt, dass er vielen Menschen aus der Seele gesprochen habe. Dies verdeutliche, wie sehr sich die mediale „Bubble“ von der Lebenswirklichkeit vieler Bürger entfernt habe.
Gegen die „Kontaktschuld“ und für eine Kultur des Verzeihens
Ein zentraler Pfeiler von Martensteins Weltbild ist die entschiedene Ablehnung der sogenannten „Kontaktschuld“. Er hält es für „völligen Schwachsinn“, Menschen danach zu beurteilen, in welcher räumlichen Nähe zu historischen Orten sie sich aufhalten oder mit wem sie sprechen. Schuld sei nicht erblich oder ansteckend; jeder sei nur für das verantwortlich, was er selbst sagt und tut. Er erinnert daran, dass die Bundesrepublik auf Integration basierte: Selbst im Kabinett von Willy Brandt saßen ehemalige NSDAP- und SS-Mitglieder wie Karl Schiller, die sich in der Demokratie bewährten. Heute hingegen herrsche ein Klima der Unversöhnlichkeit. Martenstein plädiert leidenschaftlich für eine Kultur des Verzeihens und des Rückwegs in die Gesellschaft, die heute kaum noch populär zu sein scheint.
Benjamin "Ben" Berndt ist ein deutscher Podcaster, Unternehmer und Autor. Er ist vor allem als Host des äußerst erfolgreichen Formats {ungeskriptet} und als Gründer der Babytragen-Marke ROOKIE bekannt.
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