Islamist, krank oder beides? ++ Gezielte Jagd auf Frauen
UPDATES: Brutale Messerattacken in Würzburg ++ Ermittler werten Handydaten aus

Der Verdächtige hatte laut Polizei am Freitagnachmittag in der Innenstadt drei ihm offensichtlich unbekannte Frauen (24, 49, 82) getötet. Zudem verletzte er drei weitere Frauen (39, 52, 73), ein Mädchen (11) und einen Jugendlichen (16) lebensgefährlich mit einem Messer sowie einen Mann (57) und eine weitere Frau (26) leicht. Die Elfjährige ist die Tochter der getöteten 49-Jährigen.
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  • Der Verdächtige hatte laut Polizei am Freitagnachmittag in der Innenstadt drei ihm offensichtlich unbekannte Frauen (24, 49, 82) getötet. Zudem verletzte er drei weitere Frauen (39, 52, 73), ein Mädchen (11) und einen Jugendlichen (16) lebensgefährlich mit einem Messer sowie einen Mann (57) und eine weitere Frau (26) leicht. Die Elfjährige ist die Tochter der getöteten 49-Jährigen.
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Messerangriffe: LKA hält islamistisches Motiv für naheliegend

UPDATE: 27. Juni 15.40 Uhr

Unklare Motivlage in Würzburg

Würzburg (dpa) - Bei der Suche nach den Hintergründen für die tödliche Messerattacke von Würzburg haben es die Ermittler mit einer komplizierten Motivlage zu tun. Unklar war auch am Sonntag, zwei Tage nach dem Angriff, inwiefern die Psyche des 24 Jahre alten Somaliers eine Rolle gespielt hat - und ob auch islamistische Einstellungen zur Tat beigetragen haben könnten. «Es schließt sich auch nicht unbedingt gegenseitig aus», sagte Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) am Samstag, knapp 24 Stunden nach der Gewalttat mit drei Toten und sieben Verletzten.

Herrmann sagte: «Es gibt jedenfalls Indizien dafür, dass es sich um einen islamistischen Anschlag handeln könnte.» Ein Zeuge hatte dem Minister zufolge angegeben, der Verdächtige habe bei der Tat «Allahu Akbar» (deutsch: Gott ist groß) gerufen. Dschihadisten und Salafisten benutzen diesen Ausdruck oft wie einen Schlachtruf. 

Der deutsche Terrorismusforscher Peter Neumann vom King's College London warnte vor einer vorschnellen Bewertung des Motivs. Wichtig sei etwa, wie intensiv und wie lange der Mann sich mit dschihadistischen Inhalten beschäftigt habe, ob er mit anderen hierüber gesprochen habe und in jüngster Zeit ein gesteigertes Interesse daran gehabt habe. «Ob der Attentäter von Würzburg ein «Dschihadist» war, ergibt sich aus den Antworten auf die zwei oben genannten Fragenkomplexe. Kurzum: Wir müssen uns gedulden, denn aufgrund bisheriger Informationen lässt sich die Frage (noch) nicht abschließend beantworten», betonte Neumann auf Twitter.

Nach seiner Einschätzung sind Einzeltäter «mittlerweile der dominante Modus Operandi bei extremistisch motivierten Gewalttaten in ganz Europa». Das gelte sowohl für Islamisten wie auch für Rechtsextremisten. Gut daran sei, dass Einzeltäter meist weniger raffiniert vorgingen und deshalb weniger Menschen töteten. Schlecht sei, dass sie für die Sicherheitsbehörden schwerer zu erkennen seien, da sie weniger deutlich in operative Netzwerke eingebunden seien.

Die entscheidende Frage sei, ob der Täter bei der Ausführung und/oder Vorbereitung der Tat zurechnungsfähig gewesen sei. Das sei bei Psychosen oder sehr schweren Persönlichkeitsstörungen nicht der Fall. «Doch bei leichteren Persönlichkeitsstörungen schließen sich Extremismus und psychische Vorbelastung nicht gegenseitig aus», so Neumann. «Mehr noch: Sie können sich ergänzen - eventuell sogar verstärken.»

Der Verdächtige sitzt wegen dreifachen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in sechs Fällen und vorsätzlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall in Untersuchungshaft. Der 24-Jährige war nach dem Verbrechen, das sich in einem Kaufhaus, einer Bank und auf der Straße abgespielt hatte, von der Polizei angeschossen und festgenommen worden. Das bayerische Landeskriminalamt übernahm in Zusammenarbeit mit der Münchner Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen, weil es sich um eine «Amoklage» gehandelt habe, erklärte Würzburgs Leitender Oberstaatsanwalt Frank Gosselke.

Der Verdächtige hatte laut Polizei am Freitagnachmittag in der Innenstadt drei ihm offensichtlich unbekannte Frauen (24, 49, 82) getötet. Zudem verletzte er drei weitere Frauen (39, 52, 73), ein Mädchen (11) und einen Jugendlichen (16) lebensgefährlich mit einem Messer sowie einen Mann (57) und eine weitere Frau (26) leicht. Die Elfjährige ist die Tochter der getöteten 49-Jährigen.

Ob der Messerangreifer gezielt Frauen umbringen wollte, ist unklar. «Die sichergestellten Gegenstände werden ausgewertet», sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes dazu. Das werde einige Zeit dauern, weil beispielsweise Material, das in der Obdachlosenunterkunft des Mannes in der Mainstadt gefunden wurde, in somalischer Sprache sei. Daher sei es auch noch zu früh, etwa von Hassbotschaften zu sprechen. Die Beamten werten auch ein gefundenes Handy aus.

Der 24-Jährige war schon vor der Tat wegen Bedrohung und Beleidigung polizeibekannt, er kam deshalb zeitweise in eine Psychiatrie. Das Verfahren läuft noch, ein psychiatrisches Gutachten steht noch aus, wie die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg erklärte.

Der Mann aus dem Bürgerkriegsland Somalia war den Ermittlern zufolge am 6. Mai 2015 nach Deutschland eingereist. Seit dem 4. September 2019 war der Asylbewerber in Würzburg erfasst und erhielt subsidiären Schutz - er hält sich also legal in Deutschland auf.

Der Pflichtverteidiger des 24-Jährigen hält es für möglich, dass sich sein Mandant in der U-Haft etwas antun könnte. «Was ich feststelle, ist, dass er psychisch auffällig ist», sagte Hanjo Schrepfer. Auch die Ermittler sehen offensichtlich diese Gefahr: «Die zuständige Justizvollzugsanstalt ist über eine mögliche Selbstgefährdung informiert», sagte der LKA-Sprecher

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UPDATE: 27. Juni, 10 Uhr

Gezielte Jagd auf  Frauen


WÜRZBURG (dpa/nf) - Nach der tödlichen Messerattacke von Würzburg wird es am Sonntagnachmittag im Kiliansdom der Stadt eine Gedenkfeier für die Opfer geben. Daran wollen neben dem katholischen Würzburger Bischof Franz Jung auch Vertreter weiterer Religionen und der Öffentlichkeit teilnehmen, wie Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) mitteilte. Erwartet werden bei der Feier der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, die evangelische Regionalbischöfin Gisela Bornowski und Vertreter der muslimischen Gemeinden.

Der Kiliansdom liegt nicht weit vom Ort des Geschehens am Barbarossaplatz mitten in der Würzburger Innenstadt. Bei dem Angriff am Freitagnachmittag hatte der 24-jährige Abdirahman J.  drei Frauen in einem Kaufhaus getötet - 24, 49 und 82 Jahre alt, sechs verletzt, zwei schweben noch in Lebensgefahr, wie die BILD berichtete. Auf der Straße und in einer nahen Bank verletzte er danach laut Polizei sechs Menschen schwer und einen leicht. Auch die Schwerverletzen sind überwiegend Frauen. Das jüngste Opfer ist 2005 geboren. Zwischenzeitlich machten die Ermittler verschiedene Angaben zur Anzahl der Verletzten und deren Identität. Wie BILD weiter berichtete, soll der Somalier angeblich nach seiner Festnahme gesagt haben: ,,Allahu akbar. Ich habe meinen persönlichen Dschihad verwirklicht."

UPDATE: 26. Juni, 20.33 Uhr


Woolworth kooperiert mit Behörden nach Messerangriff


Würzburg (dpa) - Die Einzelhandelskette Woolworth geht davon aus, dass ihre Würzburger Filiale zufällig zum Schauplatz einer tödlichen Messerattacke wurde. Das Unternehmen erklärte am Samstag weiter, man arbeite eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen, um zur Aufklärung dieser Tat beizutragen. «Wir alle sind heute zutiefst betroffen von dem schrecklichen Vorfall in Würzburg», heißt es in der Stellungnahme. «Gestern hat ein Mann in unserer Filiale mit einem Messer drei Menschen getötet und weitere verletz», betonte Woolworth. Unter den Verletzten sei auch eine Kollegin. Zudem sei der Sicherheitsmitarbeiter leicht verletzt worden. Weitere Angaben zum Tathergang machte das Unternehmen nicht.

Offensichtlich ohne jede Vorwarnung hatte ein 24-Jähriger aus Somalia am Freitag gegen 17.00 Uhr in einem Kaufhaus Menschen mit einem langen Messer attackiert. Auch in einer gegenüberliegenden Bank und auf der Straße griff er der Polizei zufolge Passanten an. Drei Menschen starben durch Stiche. Fünf kamen schwer verletzt in Krankenhäuser, zwei davon schweben in Lebensgefahr. Zudem soll es weitere Leichtverletzte geben - wie viele genau, will eine Polizeisprecherin am Samstag zunächst nicht sagen.

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UPDATE: 26. Juni, 20.00 Uhr


Kallert: Im Kaufhaus in Würzburg starben drei Frauen


Würzburg (dpa) - Bei der Messerattacke von Würzburg sind drei Frauen in einem Kaufhaus (Woolworth)  getötet worden. Das sagte Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert am Samstag in Würzburg.

Der Verdächtige habe sich unmittelbar vor der Attacke in dem Geschäft nach Messern erkundigt, sich eines aus einer Auslage geschnappt, sofort auf eine Verkäuferin eingestochen und sie tödlich verletzt. Anschließend tötete der Mann nach bisherigen Erkenntnissen dort zwei weitere Frauen. Danach griff er weitere Menschen in einer Bank und auf der Straße an.

Mutige trieben den Täter in eine Gasse

«Ich habe Verletzte gesehen, ich habe Tote gesehen», sagte Kallert. Er bedankte sich unter anderem bei Bürgern, die durch das Verbrechen in eine Extremsituation geraten seien und mitgeholfen hätten, den Täter in eine Gasse zu treiben.

Der Somalier soll am Freitagnachmittag in der Innenstadt grundlos auf ihm unbekannten Menschen eingestochen haben. Drei starben, fünf wurden schwer verletzt. Zudem gab es mindestens zwei Leichtverletzte. Bislang ist unklar, ob der zuvor psychisch auffällige Mann aus islamistischen Motiven handelte oder während der Bluttat verwirrt war.

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WÜRZBURG (dpa) - Nach dem tödlichen Messerangriff in Würzburg ist noch nicht klar, ob der Täter psychisch verwirrt handelte oder tatsächlich ein islamistisches Motiv hatte - oder ob beides zutrifft. Bei dem Angriff am späten Freitagnachmittag in der Innenstadt gab es drei Todesopfer und mehrere Verletzte. Der Verdächtige wurde durch einen Schuss der Polizei gestoppt und festgenommen.

Das ist bekannt:

- Die Tat: Offensichtlich ohne jede Vorwarnung greift ein Mann am Freitag gegen 17.00 Uhr in einem Kaufhaus am Barbarossaplatz der bayerischen Stadt am Main Menschen mit einem langen Messer an. Auch in einer gegenüberliegenden Bank und auf der Straße attackiert er der Polizei zufolge Passanten, die er nach bisherigem Kenntnisstand wohl gar nicht kennt.

Drei Frauen sterben durch die Stiche. Sechs Menschen kommen schwer verletzt in Krankenhäuser, mindestens ein weiterer wird leicht verletzt. Eine Frau befindet sich am Samstagnachmittag nach Polizeiangaben noch in Lebensgefahr.

- Der mutmaßliche Täter: Der Angreifer ist den Ermittlern zufolge 24 Jahre alt und hat die somalische Staatsbürgerschaft. Er ist seit etwas mehr als sechs Jahren in Deutschland. Zuletzt lebt er in einer Obdachlosenunterkunft in Würzburg. Er befindet sich legal auf der Grundlage eines Asylverfahrens in Deutschland, sagen die Behörden. Warum genau er sein Heimatland, wo seit 30 Jahren Bürgerkrieg herrscht, verließ, ist unklar.

Der Polizei war der Mann bereits vor der Attacke bekannt. Nach psychischer Auffälligkeit musste er kürzlich in psychiatrische Behandlung - zwangsweise, wie Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt.

- Die Ermittlungen: Die Polizei ist am Freitag mit einem Großaufgebot in der Universitätsstadt präsent. Auch ein Hubschrauber wird eingesetzt. Beamte sind in der Obdachlosenunterkunft unterwegs - ob sie Beweise sichern können, verraten sie zunächst nicht. Hinweise auf einen zweiten Täter haben die Ermittler nicht.

Am Samstag übernehmen Landeskriminalamt und Generalstaatsanwaltschaft München die Ermittlungen von den örtlichen Behörden. Dies ist dann der Fall, wenn eine Amoklage vorliegt. Für einen klaren Terrorangriff wäre allerdings der Generalbundesanwalt zuständig. Der trat im Fall Würzburg bisher nicht in Erscheinung.

Mit Blumen und Kerzen wird der Opfer von Würzburg gedacht.
  • Mit Blumen und Kerzen wird der Opfer von Würzburg gedacht.
  • Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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Was noch unklar ist

- Die Opfer: Zur Identität der Opfer gibt die Polizei auch am Samstag nicht viel preis. Klar ist: Bei den Getöteten handelt es sich allesamt um Frauen. Eine davon war Verkäuferin in einem Kaufhaus, wo sich der Mann die Tatwaffe, ein Messer, angeeignet hatte. Auch bei den Verletzten handelt es sich fast ausschließlich um Frauen, mit Ausnahme eines männlichen Jugendlichen, der nach Angaben der Staatsanwaltschaft leicht verletzt wurde.

- Das Motiv: Diese wohl drängendste Frage ist auch am Tag nach der Tat noch nicht beantwortet. «Es gibt jedenfalls Indizien dafür, dass es sich um einen islamistischen Anschlag handeln könnte», sagte Innenminister Joachim Herrmann schon am Freitag. Er stützt dies auf die Aussage eines Zeugen, wonach der Verdächtige bei der Tat «Allahu Akbar» (deutsch: «Gott ist groß») gerufen habe. Ob dies aber das Hauptmotiv war, oder ob der psychische Zustand des Mannes im Vordergrund stand, bleibt zunächst weiter unklar.

- Die Vorgeschichte: Der Mann ist seit seiner Einreise nach Deutschland im Mai 2015 bereits mehrfach in Erscheinung getreten. Einmal soll er ein Messer geschwungen haben - dabei sei aber niemand verletzt worden, heißt es von der Polizei. Zuletzt habe er in psychisch angeschlagenem Zustand einen Verkehrsteilnehmer belästigt. Daraufhin sei er zwangsweise in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen, wenig später aber wieder entlassen worden.

MarktSpiegel-Berichterstattung seit Freitag, 25. Juni - alle Updates und Bilder

UPDATE: Hass-Botschaften beim Würzburger Messer-Täter gefunden ++ Allahu Akbar Rufe
Autor:

Nicole Fuchsbauer aus Nürnberg

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